Robert Meyer nimmt zu Saisonende Abschied von der Volksoper, und das mit einem Rekord: Kein anderer hat das Haus länger geleitet als der deutsche Schauspieler, der vor seinen 15 Herrenjahren am Opernhaus zu den Publikumslieblingen des Burgtheaters gezählt hatte. Am Samstag findet mit Benjamin Brittens "Tod in Venedig" die letzte Opernpremiere der Ära Meyer statt, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" zieht der 68-Jährige Bilanz.

"Wiener Zeitung": Ihre letzte Saison endet am 30. Juni mit einem Abschiedskonzert für Sie. Wird der Abend all die Rollen Revue passieren lassen, die Sie als spielfreudiger Direktor hier verkörpert haben? Dann wird es eine ziemlich lange Veranstaltung.

Robert Meyer: Nein, das wäre ein bisschen fad. Soweit ich bisher weiß, werden die Kolleginnen und Kollegen Ausschnitte aus den letzten 15 Jahren zum Besten geben - mit Musical, Oper, Operette, auch Ballett. Es soll nicht tränenreich werden, sondern heiter: ein lustvolles Hinausgehen.

Sie haben schon in Ihrer Eröffnungspremiere "Orpheus in der Unterwelt" eine Rolle übernommen und noch heuer in "La Cage aux Folles" mitgewirkt. Wie viele Partien waren es insgesamt?

Das weiß ich nicht genau. Ich habe aber schon vor dem Beginn meiner Amtszeit Rollen aus dem Musiktheater verkörpert, etwa den Doolittle aus "My Fair Lady" und den Frosch aus der "Fledermaus".

Als Sie 2006 zum Direktor bestellt wurden, hatten Sie trotzdem noch wenig Erfahrung mit dem Musiktheater. Hatten Sie anfangs ein mulmiges Gefühl?

"Mulmig" wäre der falsche Ausdruck. Es war für mich einfach ein gewaltiger Schritt. Kann ich das?, habe ich mich gefragt, und nachdem ich viele Ermunterungen bekommen hatte, gab ich mir schließlich einen Ruck. Ich dachte mir: Wenn ich kein Glück habe, bin ich nach der ersten Amtszeit von fünf Jahren gescheitert. Wenn’s funktioniert, dauert’s länger.

Sind Sie im Jahr 2007 mit einem gewissen Ziel angetreten?

Es ist kein Geheimnis, dass es der Volksoper zu der Zeit nicht gut ging. Die Direktoren wechselten häufig, die Stimmung war getrübt. Ich wollte das Ensemble wieder zu einer Familie vereinen, um lustvoll Theater zu machen. Ein Repertoirehaus entwickelt nur dann seine ganze Kraft, wenn alle an einem Strang ziehen. Ich denke, das ist mir gelungen.

Ihr Vorgänger Rudolf Berger war nur vier Jahre im Amt. Er wünschte Ihnen "ein bisserl mehr Glück mit der Politik", als er es hatte. Das hat sich offenbar erfüllt; es sind keine Querelen zwischen Ihnen und der Politik überliefert.

Rudolf Berger hatte nicht nur Konflikte mit der Politik; er wurde in Wien unschön angegriffen. Der damalige Staatssekretär Franz Morak hat dann mich zum Direktor nominiert. Morak und ich kannten einander aus unserer gemeinsamen Zeit als Schauspieler und Ensemblesprecher am Burgtheater. Ich glaube, er hat sich von mir erwartet, dass ich frischen Wind ans Haus bringe. Ich hatte nach meiner Bestellung aber nicht mehr viel mit ihm zu tun, weil er nur bis zum Jahr 2007 amtierte.

Ein erklärtes Ziel Ihrer Amtszeit war auch eine Auslastung von zumindest 80 Prozent. Das ist meist geglückt, die Corona-Pandemie hat es aber natürlich torpediert. In der vorigen Saison lag der Wert bei lediglich 67 Prozent.

Ja, die vergangene Spielzeit war vor allem durch einen langen Lockdown geprägt, der sich bis 19. Mai 2021 zog. Es war eine schwierige Zeit - auch deshalb, weil das Publikum danach mit Maske kommen musste, eine Testpflicht bestand und wir den Saal nur zur Hälfte füllen durften. Ehrlich gesagt, habe ich damals nicht so sehr auf die Auslastungszahlen geachtet. Ich war einfach froh, dass wir überhaupt spielen durften und noch vier Premieren in die Zeit bis zum Saisonende quetschen konnten.

Hat sich das Publikumsinteresse inzwischen normalisiert?

Wir kämpfen alle noch mit den Nachwirkungen der Pandemie - und mit "wir" meine ich nicht nur die Volksoper. Es gibt aber natürlich auch Abende bei uns, die komplett ausverkauft sind, wie die aktuelle Spielserie von "La Cage aux Folles".

Apropos Musical. Würden Sie der Aussage zustimmen, dass die Volksoper unter Ihrer Leitung verstärkt auf unterhaltsames Musiktheater gesetzt hat?

Wir haben auch einige Werke gespielt, die nicht gerade heiter sind. Aber ja: Natürlich bin ich ein Freund des Unterhaltungstheaters. Ich gehe nicht in eine Vorstellung, um mich belehren zu lassen. Man hat mir manchmal vorgeworfen, dass wir in den 15 Jahren sehr viele, zu viele Musicals gespielt hätten. Aber das Musical ist die jüngere Schwester der Operette, und es gibt viele Stücke - nicht zuletzt von Stephen Sondheim, den wir oft angesetzt haben -, die eine unglaubliche Qualität besitzen.

Wie wird die Volksoper finanziell dastehen, wenn Sie das Haus an Ihre Nachfolgerin Lotte de Beer übergeben?

Aus der letzten Aufsichtsratssitzung der Bundestheater kann ich Ihnen berichten: Das Haus steht sehr gut da, besitzt einiges an Rücklagen.

Sie haben sich in unseren bisherigen Interviews immer nur sehr zurückhaltend über den Eigentümer Ihres Hauses, also den Bund, geäußert. Zum Abschied noch ein Versuch: Wie beurteilen Sie die heimische Kulturpolitik?

Ehrlich gesagt halte ich die Kulturpolitik hierzulande seit Jahren für ein unterbelichtetes Thema. 17 Monate hatten wir einen Kulturminister namens Gernot Blümel. Angeblich war er ein Mal in der Staatsoper - als ihr oberster Hausherr. Ich darf daran erinnern, dass Vizekanzler Werner Kogler auch Kulturminister ist; von ihm habe ich diesbezüglich nie etwas gehört. Die Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer war, soweit ich weiß, in den vorigen zweieinhalb Jahren nie in der Volksoper.

Andrea Mayer hat aber viel Lob dafür bekommen, dass sie seit ihrem Amtsantritt zu Beginn der Covid-Krise die heimische Kunstszene abgesichert hat.

Ja, aber ich denke, Kulturpolitik kann nicht nur bedeuten, Gelder zu verteilen. Mir fehlt generell das Interesse der Politik an der Kunst.

Sie haben sich vergeblich um eine weitere Amtszeit an der Volksoper beworben, es wäre ihre vierte gewesen. Haben Sie die Enttäuschung darüber verwunden?

Ja, und zwar noch am selben Tag, als ich davon erfuhr, im Sommer 2020. Ich hatte dann einen entspannten Urlaub am Land.

Wie man hört, werden Sie auch nach Ihrem Abtritt als Direktor vielbeschäftigt bleiben.

Ja, ich bin in der nächsten Saison voll ausgelastet. In den Repertoirevorstellungen der Volksoper werde ich drei Rollen verkörpern, außerdem bin ich ab nächster Spielzeit Gast im Theater in der Josefstadt und werde in drei verschiedenen Produktionen am Staatstheater am Gärtnerplatz in München auf der Bühne stehen.

Ein Leben ohne Bühnenauftritte bleibt also unvorstellbar?

Ich bin ein altes Theaterpferd. Solange ich körperlich fit bin und mir Texte merken kann, werde ich auf einer Bühne stehen.