Aus der sportlichen Warte betrachtet, ist der dritte Akt des "Siegfried" ein Fall von schreiendem Unrecht: Während sich der Titelheld bereits durch eine gefühlte Million von Wagner-Noten gesungen hat und sich entsprechend matt auf die Ziellinie zuarbeitet, ist seine Partnerin Brünnhilde soeben erst auf der Bühne erwacht und schöpft aus der frischen Fülle ihrer Soprankunst.

Nicht anders am vergangenen Samstag im "Ring"-Durchlauf der Staatsoper: Nina Stemme, ohnedies eine Weltmacht als Walküre, veredelte das Opernfinale erwartungsgemäß kultiviert und kraftstrotzend, während die Formkurve ihres Siegfrieds allmählich den Ansprüchen Tribut zu zollen begann. Dabei hatte sich das Niveau dieses Nothung-Schwingers davor in beglückende Höhen geschraubt: Michael Weinius, Rollendebütant am Haus und Schwede des Jahrgangs 1971, hatte die fünf Opernstunden mit einer herben Bärbeißigkeit begonnen, entpuppte sich im Mittelakt aber als erfreulich vielseitig: mit metallischen Spitzentönen, feinfühligen Finessen und einem Schuss Komödiantik für die patscherten Seiten des Kraftlackls Siegfried.

Siegfried (Michael Weinius) mit Tornister. 
- © Staatsoper / Pöhn

Siegfried (Michael Weinius) mit Tornister.

- © Staatsoper / Pöhn

Der Wotan, zuletzt stimmschwach anzuhören in Gestalt von John Lundgren, hat nun im Bariton von Simon Neal ein neues Verlautbarungsorgan gefunden und tönt satt, wenn auch nicht überirdisch mächtig. Die Erda (Noa Beinart) birgt zwar kein Geheimnis im Timbre, aber liefert eine makellose Leistung. Zwei begnadete Sängerdarsteller sind dazu mit Jochen Schmeckenbecher (fast heldisch als Alberich) aufgeboten und Jörg Schneider, der dem Bosnigl Mime ein paar zusätzliche Zierfiguren gönnt und eine Wienerische Note. Hut ab vor dem Orchester: Dirigent Axel Kober entfesselt zwar auch Dezibelspitzen, die nicht das Attribut "sängerfreundlich" verdienen, speist den Abend aber mit einer unnachgiebigen Intensität.