Einige mussten sogar ohne ihre Familien vor dem Grauen des Ukraine-Kriegs flüchten. Manche hatten Glück im unvorstellbaren Unglück und sind mit ihren Eltern in den Westen gelangt. Sie sind Kinder und Jugendliche, die eines gemeinsam haben: ihre Leidenschaft für das Ballett und ihren Wunsch, diese Leidenschaft zu ihrem Beruf machen zu können. Trotz der Gräuel des Kriegs, oder vielleicht sogar aufgrund dessen umso mehr.

Doch für die Verwirklichung ihres Traums brauchen sie ihr tägliches Training, das sie bisher in professionellen und renommierten Ballettschulen in der Ukraine erhielten. "Für Tänzerinnen und Tänzer bedeutet eine Trainingsunterbrechung, nicht mehr in Form bleiben zu können; das heißt, Muskeltonus und Muskelkraft sowie die Ausdauer zu verlieren", erklärt Christina Stefanou, die Direktorin der Ballettakademie der Staatsoper, der "Wiener Zeitung". Auch der Schwung für Verbesserungen würde den Eleven abhandenkommen, und als Interpreten wären sie bei einer Trainingspause nicht in der Lage sein, an den für die Bühne benötigten Skills weiterarbeiten zu können. Unvorstellbar also, eine längere Pause einzulegen. Umso dringlicher ist die Suche im Westen nach Trainingsplätzen.

Psychische Gesundheit als wesentlicher Aspekt

Kontinuierliches Training und Ausbildung sei für Balletttänzerinnen und Balletttänzer der Schlüssel zu einer erfolgreichen und langen Karriere. "Sie fangen schon in jungen Jahren mit dem Balletttraining an, in der Zeit, in der sich der menschliche Körper noch formt, und deshalb sind kontinuierliches Training und Professionalität der Ausbildung von Jugend an extrem wichtig. Das bedeutet, dass jede verlorene Zeit eine große Auswirkung auf die Karriere hätte, und auch den Beginn der Karriere beeinflussen würde", so Stefanou.

Wesentlich ist auch die psychische Gesundheit der angehenden Profitänzer: "Denn neben all den körperliche Aspekten, geht es auch um das Mentale und Emotionale, das gleichzeitig und gleichwertig mit aufgebaut wird und von der körperlichen Ausbildung nicht zu trennen ist. Dessen werden die Studierenden parallel zum täglichen Training leider auch verlustig. Und es ist eben beides, was dieser Beruf schlussendlich auch verlangt", weiß Stefanou. Und ein weiterer Punkt ist unerlässlich: Der professionelle Ballettsaal, der über einen längeren Zeitraum auch zu Lockdown-Zeiten dem Wohnzimmer weichen musste. "Für eine professionelle Ausbildung ist ein professionell ausgestatteter Ballettsaal mit Schwingboden unbedingt empfehlenswert. Ein so ausgestatteter Ballettsaal schützt vor Verletzungen und verhilft zu einer langjährigen Karriere. Der Ballettsaal ist für den Tänzer ein sakraler Ort, an dem alle Vorbereitungen für den Auftritt auf der Bühne beginnen", sagt die Direktorin.

Drei ukrainische Eleven in der Ballettakademie

Von der Wiener Ballettakademie ist ferner zu hören, dass es weiterhin Bemühungen gibt, "möglichst vielen schutzsuchenden jungen Tänzerinnen und Tänzern im Rahmen ihrer Kapazitäten zu helfen." Derzeit sind drei Eleven bereits aufgenommen worden, in den nächsten Wochen sollen weitere folgen. Die Ballettakademie steht in engem Kontakt mit der Staatlichen Ballettschule in Kiew und dem Kiev Choreographic College, um über weitere Hilfsmöglichkeiten zu beraten. Uber die näheren Umstände und die Identitäten hält sich die Ausbildungsstätte bedeckt zum Persönlichkeitsschutz der betroffenen Jugendlichen und ihren Familien.

Ein bisschen Normalität in einem neuen Alltag

Neben der Wiener Ballettakademie beherbergt etwa auch das Europaballett St. Pölten als Ausbildungsstätte Studenten: 15 angehende Balletttänzerinnen aus Odessa, Kiew, Charkiw und Dnipro im Alter von 13 bis 18 Jahren trainieren zurzeit beim Europaballett. Laut Kulturamtsleiter Alfred Kellner erhalten die Jugendlichen auch Deutschkurse oder auch eine psychologische Unterstützung.

In Deutschland hat etwa die renommierte Hamburger Ballettschule des Starchoreografen John Neumeier zehn ukrainische Kinder im Alter von sechs bis dreizehn Jahren aufgenommen. "Wir haben uns überlegt: Was können wir tun, um zu helfen", sagte Gigi Hyatt, die pädagogische Leiterin der Ballettschule. Schnell sei klar gewesen, dass die Schule einige Kinder mit Tanzerfahrung aus der Ukraine aufnehmen will. Der Kontakt sei auch durch persönliche Verbindungen zustande gekommen, denn einige Tänzer des Hamburg Balletts stammen selbst aus der Ukraine, darunter der erste Solist Alexandre Riabko, dessen Schwester aus Kiew fliehen musste. "Das Tolle am Ballett ist, dass die Ballettsäle überall auf der Welt gleich aussehen und die Ballettsprache - französisch - überall auf der Welt gleich ist", sagt die Deutsch-Amerikanerin, die seit 2013 die Schule leitet.

Im neuen Alltag gewähren diese Ballettschulen mithilfe des gewohnten Trainings im Ballettsaal den geflüchteten jungen Tänzerinnen und Tänzer ein bisschen Normalität und Stabilität.