Wer bist’n du, Schatzi?", fragt die grell geschminkte Blondine den Theaterbesucher, ihr Lederrock so eng und minikurz, das er kaum das Hinterteil bedeckt. "Bist reich?" Gleich beim Entrée von Nestervals jüngstem Theaterprojekt "Sex, Drugs & Budd’n’brooks" wird klargestellt: Hier geht’s um billigen Sex, trashigen Humor und abgestürzte Gestalten.

Ort der Handlung und des Geschehens ist der Wiener Prater, unter der Adresse "Prater 34" betritt man am Rande des Wurstelpraters ein leicht versieftes Backsteingebäude, das die queere Performancetruppe in liebevoller Detailarbeit in ein grandios-abgefucktes Bordell umgestaltet hat. Die Ausstattung spielt beim immersiven Theaterspiel, jener Theaterform, bei der das Publikum mitwirkt und in eine inszenierte Realität eintaucht, ohnehin eine Hauptrolle.

Willst Koks?

Für die brut-Koproduktion haben Ausstatterin Andrea Konrad und ihr Team ganze Arbeit geleistet: Es gibt eine schmuddelige Bar, einen Ballsaal mit festlich gedeckter Tafel, sogar ein Areal mit ausrangierten Autodrom-Gefährten, etliche Nebenräume ausstaffiert mit Blumentapeten, Plüschsofas und Orientteppichen, sowie den ominösen "ersten Stock" - dort befindet sich das Reich der Stricher - kleine Kammern mit engen Betten, allerlei Bondage- und SM-Accessoires, von der Terrasse aus hat man einen guten Blick auf die "Discovery Revolution", eine bunt leuchtende Prater-Attraktion.

In diesem Etablissement ereignet sich der mit fünf Stunden doch etwas zu lang geratene Theaterabend: Die Rahmenhandlung ist ein fingierter Immobilienkauf, die Theaterbesucher gelten als Kaufinteressenten. Es gibt einen Makler, der durch das Gebäude und dessen Geschichte führt und dabei wie ein Conférencier den Abend zusammenhält. Treffpunkt und Ausgangspunkt der individuellen Erkundungen ist der große Ballsaal, von dort aus begibt man sich in Kleingruppen in einen der angrenzenden Räume, um jeweils eine Szene zu erleben. Die einzelnen Episoden ergeben schließlich wie ein Puzzle den Theaterabend.

"Sex, Drugs & Budd’n’brooks" erzählt vom Untergang einer fingierten Praterfamilie namens Nesterval. Pate stand dabei Thomas Manns Klassiker "Buddenbrooks". Es ist beachtlich, wie gut es Regisseur Martin Finnland und Dramaturgin Teresa Löfberg gelingt, Manns opulentes Gesellschaftspanorama auf das Prater Rotlichtmilieu umzulegen. Hier seziert der Dichter über vier Generationen hinweg Aufstieg und Fall einer Lübecker Bürgerfamilie, im Theater wird daraus ein Abgesang auf eine Familie, die ihr Glück in der Prostitution sucht.

Das 24-köpfige Performance-Team, unterstützt vom achtköpfigen "Schmusechor" entwickelt saftig-randständige Charaktere: Aus Toni Buddenbrook, der unglücklich verheirateten Schwester des Roman-Protagonisten Thomas, wird bei Nesterval "Titten Toni", Performerin Romy Hrubeš wird ihrem Namen mehr als gerecht; auch Christopher Wurmdobler macht als Tonis Ex und zwielichtiger Geschäftsmann Bendix Grünlich bella figura. Hanno, der jüngste Sohn, der im Roman als Künstler vor sich in leidet, wird bei Nesterval zum Junkie, der in einem Drecksloch deliriert (Willy Mutzenpachner). Apropos Drogen: Koks (Minzpulver) oder Schnaps (Marille) wird einem laufend angeboten. Mit viel Aufwand wird an einer post-pandemischen Partystimmung gearbeitet.

Für einen herrlich-überdrehten Auftritt sorgt etwa der Performer Astôn Matters als Alois Permaneder: Stark geschminkt stöckelt er als "Fledermaus" mit wenig Stoff auf der Haut über die Bühne, fügt sich Wunden zu und paniert das Theaterblut mit Semmelbröseln. "Gaaanz große Kunst, dokumenta-verdächtig", ätzt einer der Performer. Witz und Selbstironie gehören zu den Stärken des Nesterval-Ensembles, das wie nebenher queere Lebensformen propagiert und ganz beiläufig thematisiert, das auf den Bühnen dieser Welt auch jene Körper ins Rampenlicht gehören, die nicht der Norm entsprechen. Weiter so.