Die gute Nachricht zuerst: Es war wohl noch nie so leicht, an den Wiener Bühnen Karten zu bekommen, auch Kurzentschlossene finden meist noch Einlass. Obwohl sämtliche Corona-Beschränkungen längst gefallen sind, ist das Publikum nicht im erhofften Ausmaß zurückgekehrt. Wie sind die Wiener Bühnen durch die laufende Spielzeit gekommen?

Auf einen Saisonstart mit einem veritablen Premierenreigen folgte ein harter Lockdown im November, Mitte Dezember gab es die ersten Öffnungsschritte. Vor allem der Zeitraum von Dezember 2021 bis März 2022 verlief herausfordernd: In diesen vier Monaten gab es nicht nur strenge Zugangsbeschränkungen, die sich öfter änderten (fallweise mussten Besucher nicht nur geimpft, sondern auch getestet sein), auch die Belegschaft litt unter der hochinfektiösen Omikron-Variante. Praktisch jede Bühne, die von der "Wiener Zeitung" befragt wurde, klagte in diesem Zeitraum über besonders viele Ausfälle, die zu kurzfristigen Spielplanänderungen führten. Omikron, Albtraum der Betriebsbüros.

Aufwärtstrend ab April

Seit April wird etwa bei den Bundestheatern ein "klarer Aufwärtstrend in der Auslastung spürbar". Die Bundestheater-Holding präzisiert auf Nachfrage, dass die April-Auslastung im Burgtheater und in der Volksoper bei knapp 70 Prozent lag, während die Staatsoper schon fast die 90 Prozent-Marke erreichte, in den Monaten davor dürfte die Auslastung bisweilen auf unter 60 Prozent gerasselt sein: Dieser Tiefstand wurde bei der jüngsten Pressekonferenz des Burgtheaters bekannt.

Das Theater in der Josefstadt erzielte eine durchschnittliche Gesamtauslastung von 65 Prozent, in den Kammerspielen kletterte die Quote, bezogen auf die vorläufige Saison, auf beinahe 80 Prozent. In der Saison 19/20 - der letzten noch weitgehend Corona-freien Spielzeit - lag die erfolgsverwöhnte Bühne bei 97 Prozent in den Kammerspielen und 85 Prozent in der Josefstadt. Am meisten ringt allerdings das Volkstheater um Zuschauer, die Bühne unter dem neuen Intendanten Kay Voges verbucht für 21/22 eine durchschnittliche Auslastung von 47 Prozent, die Zahl der Abonnenten hält beim historischen Tiefstand von 250.

Auf den Besucherrückgang folgen verminderte Kartenerlöse. Da die Bühnen noch nicht die Bilanzen für die laufende Saison erstellt haben, gibt es vorläufig nur Prognosen. In der Bundestheater-Holding geht man von einer 30-prozentigen Ertragsminderung aus. Im Volkstheater sprach der kaufmännische Geschäftsführer Cay Urbanek nur vage von Erlösen "unter den Erwartungen". Die Josefstadt hatte in der Saison 2020/21 mit hohen Einnahmeverlusten zu kämpfen. Diese wurden von Stadt und Bund mit 5,5 Millionen Euro ersetzt, das Budget für 2022/23 wurde dafür sehr restriktiv erstellt.

Die Vereinigten Bühnen Wien registrieren ebenfalls ein verringertes Publikumsinteresse. Der städtische Bühnenverband bespielt das Theater an der Wien und die Kammeroper mit klassischem Musiktheater, das Ronacher und Raimund Theater mit Musicals. Im letztgenannten Sektor rangierte die Auslastung vor der Pandemie bei 97 Prozent, nun sei sie um 25 Prozent abgefallen, heißt es seitens der Pressestelle; das Theater an der Wien halte aktuell bei 83 Prozent. Auch in dieser Saison wird es zu Einnahmeverlusten kommen - nicht zuletzt, weil Corona-bedingt in beiden Genres 167 Abende ausfielen.

Auch die Konzerthäuser klagen

Auch die Konzerthäuser erfreuen sich nicht derselben Beliebtheit wie vor der Pandemie. "Bei prominent besetzten Konzerten sind wir sehr gut verkauft, manchmal ausverkauft", sagt Stephan Pauly, Intendant des Musikvereins. "Aber bei vielen Konzerten liegen wir spürbar unter den Auslastungszahlen vor Corona. Bei manchen Konzerten verkaufen wir 20 Prozent weniger Tickets als vor der Pandemie." Das schmälert natürlich die Einnahmen: "Die Abo-Verkäufe sind sehr gut, aber bei den Einzelkarten haben wir deutliche Einbußen. Viele Besucherinnen und Besucher sind noch nicht in die Säle zurückgekehrt." Außerdem, so sagt Pauly, "fehlen die Touristen. Die Situation muss sich bessern, um wieder zu finanziell nachhaltigen Verhältnissen zu kommen."

Konzerthaus-Intendant Matthias Naske zeichnet ein ähnliches Bild: "Der Verkauf im Frühjahr 2022 hat zwar deutlich angezogen, erreicht jedoch vor-pandemische Dimensionen bei weitem nicht." Der Lockdown vor dem Jahreswechsel und das damalige Ausbleiben der Touristen habe zudem eine Bresche ins Budget geschlagen, die sich bis zum Saisonende nicht wettmachen lasse. Als "unternehmerisch größte Herausforderung" sieht Naske allerdings die nächste Saison: "Wenn wir das Produktionsniveau wieder hochfahren und die Nachfrage nicht mitzieht, haben die Institutionen, die sich überwiegend über die Karteneinnahmen finanzieren wie das Wiener Konzerthaus natürlich ein größeres Risiko und potenziell auch ein größeres Problem." Dennoch zeigt sich Naske optimistisch: "Kreativität und professionelles Arbeiten sind derzeit besonders gefragt, wir stellen uns dem mit Zuversicht."