Sie sind kraftvoll und fordernd, sogar zornig und wütend, dann wiederum wie leblose, ferngesteuerte Marionetten. Bruno Beltrão und seine Grupo de Rua zeigen im Rahmen der Wiener Festwochen in "New Creation" eindrucksvollen politischen Bühnentanz. Wobei die Bezeichnung Bühnentanz für eine Performance bestehend aus Hip-Hop und B-Boying nicht selbstverständlich ist, handelt es sich doch um Straßentänze, die seit geraumer Zeit ihren Platz in der darstellenden Kunst suchen. Dem Brasilianer Beltrão ist es auf jeden Fall gelungen, seinen urbanen Tanz auf die Bühne der Halle G im Wiener Museumsquartier zu bringen.

Politisches Statement

Es sind kurze Szenen zu Beginn der Performance, in denen er Techniken des zeitgenössischen Tanzes mit B-Boying und auch mit Konzepttheater verschmelzen lässt. Das Ergebnis ist ein abstraktes Tanztheater, das Beltrãos politisches Statement klar vermittelt, nämlich die Auseinandersetzung mit der derzeitigen Lage Brasiliens und mit der Frage, wie im Programmheft nachzulesen ist, "wie in Bewegung bleiben, wenn eine menschenfeindliche Politik jeden Widerstand lähmt (. . .)?". Es sind Szenen, die wie Momentaufnahmen einer Stadt und deren Einwohnern anmuten und mit Licht-Cuts (raffinierte Lichtregie von Renato Machado) differenziert werden.

Kraftvoll und virtuos: die Grupo de Rua. 
- © Wonge Bergmann

Kraftvoll und virtuos: die Grupo de Rua.

- © Wonge Bergmann

Die acht Performer (Wallyson Amorim, Renann Fontoura, Eduardo Hermanson, Alci Junior, Ronielson Araújo ‚Kapu‘, Leonardo Laureano, Leandro Rodrigues, Antonio Carlos Silva) und zwei Performerinnen (Camila Dias, Silvia Kamyla) sind stilistisch als auch kostümtechnisch (Marcelo Sommer) Individualisten: Eine energisch kraftvolle Tänzerin mit wippenden Pferdeschwanz ist mit schwarzem knielangem Rock, kurzen Socken und Sportschuhen zu sehen, ein anderer Performer wiederum in einem weißen Mantel mit großen Knöpfen - einem Arzt oder Wissenschafter gleich. Auch gibt es einen Tänzer in einem schwarzen wadenlangen Pullover, der den restlichen neun Performern an einer Stelle scheinbar aus einem Buch liest. Vielleicht ist er ein Besonnener, ein Priester. Man weiß es nicht genau, Beltrão lässt dem Zuschauer viel Raum für Assoziationen.

Anstelle der üblichen B-Boying-Beats und dem akrobatischen Battel-Feeling setzt der Choreograf gemeinsam mit Luca Marcier auf eine städtische Klangkulisse mit Vogelgezwitscher, dann etwa auch Baustellenlärm. Lediglich ein Schlagzeug-Solo begleitet später einen choreografischen Höhepunkt des Abends mit vier Performern, die schlichtweg mit der Mischung aus Urban Dance und zeitgenössischem Tanz Virtuosität demonstrieren. Eine rasante Performance, die mit lang anhaltendem Applaus goutiert wurde.