Eine optische Falle steht am Beginn von "L’Etang/Der Teich". Das passt zu diesem Abend, an dem sich das, was man sieht, oft nicht auf Anhieb in Einklang bringen lässt mit dem, was man hört. Auf der noch nicht beleuchteten Bühne warten sieben Personen, zwei liegen im Bett, einer hat den Arm um den anderen, die anderen sind rundum gruppiert, einer liegt wie eine Leiche etwas abseits. Ein neongelbes Shirt leuchtet kess heraus. Es wirkt wie eine Post-Partyszene einer WG. Sobald das gleißende Bühnenlicht jedoch eingeschaltet wird, ist klar: Das sind nur Puppen und sie werden auch sogleich eine nach der anderen von einem Bühnentechniker begleitet von aufwallender Technomusik weggetragen. Das grelle Licht dimmt sich runter, und sobald keine Puppe mehr da ist, leuchtet das leere Bett aus der Bühnendämmerung. Erst dann kommen die Menschen. Der französische Filmstar Adèle Haenel, als Teenager erkennbar mit Bomberjacke, Jogginghose und Baseballkappe, und Henrietta Wallberg bewegen sich in Zeitlupe, Haenel bleibt kurz beim Bett stehen und blickt darauf. Sie spielt Fritz, der in Robert Walsers Kurzstück "Der Teich" seinen Suizid vortäuscht, um die Liebe seiner Eltern, genauer seiner Mutter, zu testen. Aber Haenel spielt auch seine Geschwister Clara und Paul, während Wallberg die Elternparts übernimmt. Aber manchmal verschwimmen die Rollen der beiden Schauspielerinnen auch.

Farben und Klänge

In dieser Version der französischen Regisseurin Gisèle Vienne ist es wenig Text, der hier rasch die Lage vermittelt. Fritz, der sich seinem Bruder gegenüber benachteiligt fühlt, der seine Mutter liebt, obwohl er sich von ihr nicht geliebt fühlt. Die Szene, in der die Geschwister nach Fritz suchen, in der festen Annahme, dass er ertrunken ist. Was gesprochen wird, ist auch weniger ausschlaggebend für den Eindruck, den dieses Stück hinterlässt. Und auch das passt: Denn dysfunktionale Familien zeichnen sich nicht durch eine besondere Gesprächigkeit über ihre Traumata aus. Durch die Farbwechsel - vom traurigen Blau zum lieblichen Lavendel zum übelmachenden Gelb - und die Klangkulisse - vom dröhnenden Bass über sirenenhaft ausklingende Schreie bis zu den verstärkten Atem- und Wimmergeräuschen Haenels - erzielt Vienne eine fiebrige Alptraumhaftigkeit. Wenn Haenel alle Rollen wie in einem irren Selbstgespräch durchspielt, und die Bühne sich allein durch das hellgrüne Licht scheinbar in eine Gummizelle verwandelt, dann macht das der Spielort des Jugendstiltheaters am Steinhof noch ein wenig bedrückender. Wenn sich ein Grollen erhebt, das in Filmen bei erwachenden Monstern, Drachen oder Aliens verwendet wird, als Mutter/Vater nach dem Teichtrick auf Fritz zugehen, ist die Angst spürbar. Berührungen - und sexuell konnotiertes Stöhnen -, die schon zuvor immer wieder vorkamen, werden nun zur echten Bedrohung. Und das Puppen-Eingangsbild zu einer erschütternden Familienaufstellung.

Oder ist alles nur Einbildung? Gisèle Vienne sind jedenfalls eindrückliche Bilder für Familienabgründe und Teenager-Gefühlsstürme gelungen. Und die Präsenz von Adèle Haenel klingt lange nach.