Fast wäre aus dem Barockschloss im mittelburgenländischen Kobersdorf eine Wohnsiedlung geworden. Das baufällige Schloss sollte geschliffen werden – die Architektin Martha Bolldorf-Reitstätter jedoch erwarb 1963 das Anwesen, initiierte zunächst auf eigene Faust umfangreiche Renovierungsarbeiten. 1972 kehrte mit den sogenannten "Schloss-Spielen" erstmals kulturelles Leben in die alten Gemäuer ein; 1988 übernahm der Schauspieler Rudolf Buczolich die Leitung der Sommerspiele. Der Burgenland-Kroate leitete zeitweise auch die Seefestspiele Mörbisch, setzte in Kobersdorf auf luftige Komödien – und baute die Bühne mit fast 900 Plätzen zur größten Sprechtheaterbühne des Burgenlands aus.

Seit 2004 lenkt der Schauspieler Wolfgang Böck die Geschicke des Sommertheaters. Kobersdorf verbucht verlässlich eine nahezu 100-prozentige Auslastung. Zum 50-Jahr-Jubiläum zeigt Böck nun "Der Bockerer" von Ulrich Becher und Peter Preses; der Impresario selbst verkörpert die Titelrolle. Der Fleischhauer aus der Paniglgasse, der sich mit Wiener Wut gegen die Nazi-Übermacht stemmt, ist ein garantierter Bühnenhit. Im "Wiener Journal" spricht Böck über Berührungsängste und schlimme Momente, zieht Bilanz über seine bisherige Intendanz in Kobersdorf – und erinnert sich an seine Paraderolle, den "leiwanden Kiberer" Trautmann.

Seit nunmehr fast 20 Jahren leiten Sie die Kobersdorfer Schloss-Spiele. Wie kam es dazu?

Wolfgang Böck: Wie so vieles in meinem Leben, war auch das purer Zufall. Ich bin mit einer Burgenländerin verheiratet, im Bezirk Mattersburg haben wir ein Feriendomizil. Als der SV Mattersburg in die Oberliga aufstieg, war das eine Sensation. Der Bürgermeister überredete mich deshalb, mit ihm das Stadion zu besuchen. Ich bin kein großer Fußballfan, ging aber trotzdem zum Match. Am Platz wurde mir dann Helmut Bieler vorgestellt, damals Kulturlandesrat im Burgenland. Bieler fragte mich frei heraus, ob ich mir vorstellen könnte, die Schloss-Spiele Kobersdorf zu leiten. Ein Theater leiten? Auf die Idee wäre ich selbst nie gekommen. Naja, dachte ich mir damals auf dem Fußballplatz: Eine Premiere im Sommer, das traue ich mir zu. Ganz schön blauäugig! Es ist einer meiner Charakterzüge, dass ich meine Arbeit ernst nehme, mich um alles kümmere, mich für alle am Set und im Theater verantwortlich fühle. So wurde das Ganze bald wesentlich arbeitsintensiver als gedacht. Im Lauf der Jahre wird’s einfacher, man kennt die Abläufe, alles spielt sich ein.

Vor Aufführungsbeginn trifft man Sie in Kobersdorf regelmäßig auf der Brücke beim Eingang zum Schloss an. Sie plaudern mit dem Publikum, stehen für Handyfotos und Selfies zur Verfügung. Sind Sie ein Intendant zum Anfassen?

Ich habe wenige Berührungsängste. Anfangs war ich neugierig, wer die Menschen sind, die zu uns kommen. So erfahre ich viel, bekomme positive Rückmeldungen. Deshalb mein Stammplatz auf der Brücke.

Was wissen Sie über Ihr Publikum?

Unser Publikum ist überwiegend weiblich, im Schnitt nicht mehr ganz jung. Zahlreiche Wienerinnen und Wiener kommen zu uns, aus dem südlichen Niederösterreich und der Steiermark, im Grunde Gäste aus allen Bundesländern, dazu Stammgäste aus dem Ausland. Der Großteil der Besucher kommt freilich aus dem Burgenland.

2020 fiel die Saison coronabedingt aus. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?

Zwiespältig. Am Anfang wusste keiner, was auf uns zukommt, alle saßen in ihren eigenen vier Wänden, waren verwirrt. Im Burgenland wurde rasch entschieden, dass im Sommer nicht gespielt werden durfte. Mir war das zu voreilig. Ich wollte Flagge zeigen. Zumindest ein Wochenende lang machten wir auf einer improvisierten Pawlatschenbühne Musik und rezitierten Texte – so ähnlich dürfte vor 50 Jahren hier alles begonnen haben. 2021 spielten wir Ray Cooneys schwarze Komödie "Außer Kontrolle". Nach den Beschwernissen der Pandemie konnten wir die Zuschauer endlich wieder zum Lachen bringen. Den "Bockerer" zeigen wir nun zum Jubiläum: In dem Stück geht es um Zivilcourage, was hervorragend in unsere Zeit passt, in der autoritäre Regime erstarken und unweit von uns Krieg geführt wird. Außerdem wurde die benachbarte Synagoge soeben saniert und kann während der Vorstellungsreihen besichtigt werden.

Was war der schlimmste Moment Ihrer bisherigen Intendanz?

Wenige Tage vor meiner allerersten Premiere in Kobersdorf hatten wir eine amtliche Begehung – und erhielten keine Spielgenehmigung. Ich fiel aus allen Wolken. Hier wurde 30 Jahre lang Theater gespielt. Und auf einmal sollte das nicht mehr möglich sein?

Was war da los?

Wir konnten es im allerletzten Moment lösen. Letztlich handelte es sich um ein politisches Intrigenspiel, das auf meinem Rücken ausgetragen wurde. Das will man kein zweites Mal erleben. Alles aber lange her, seitdem pflegen wir ein gutes Einvernehmen. Lust auf noch einen verunglückten Augenblick?

Gern!

Wenn man im Freien spielt, ist man selbstredend der Witterung ausgesetzt. Regen gehört da noch zum harmlosen Teil. Richtig schlimm wird es erst, wenn Unwetter aufziehen. Einmal schlug der Blitz in den Kirchturm ein: Was für ein Tuscher! Wenn über 800 Leute panisch werden, käme das einer Katastrophe gleich. Auch dieses Malheur ist gut ausgegangen. Der Schrecken sitzt mir aber heute noch im Nacken.

Welche schöne Erinnerung verbinden Sie mit Kobersdorf?

"Liliom" wurde 2005 ein Riesenerfolg: Wolfgang Böck in der Titelrolle. 
- © Stefan Smidt

"Liliom" wurde 2005 ein Riesenerfolg: Wolfgang Böck in der Titelrolle.

- © Stefan Smidt

Dass stets viel mehr geht, als man uns zutraut. In meiner zweiten Spielzeit zeigten wir Molnars "Liliom". Im Vorfeld wurde ich von einer Journalistin ernsthaft gefragt, ob ich noch ganz bei Trost sei: Ein derart deprimierendes Stück wolle im Burgenland doch kein Mensch sehen! "Liliom" wurde ein Riesenerfolg. 2017 setzten wir Kleists "Zerbrochenen Krug" auf den Spielplan. Nach einer Vorstellung gratulierten mir zwei Besucherinnen zu einem Theaterabend, wie man ihn sonst nur in der Großstadt erleben könne.

Das Burgenland ist das einzige Bundesland ohne eigene Landesbühne. Wäre es nicht hoch an der Zeit, ein feststehendes Theater zu etablieren?

Möglicherweise. Insgeheim beruht mein Konzept aber gerade darauf, dass es im Burgenland kein Berufstheater gibt. Mein Anspruch war von Beginn an, Kobersdorf so zu bespielen, als wäre es eine Landesbühne – zumindest für die Dauer eines Monats. Das bedeutet unter anderem, dass man sich vom Komödienkanon loslöst. Unterhaltung hat viele Facetten. Wir haben Brecht genauso gespielt wie Nestroy und Kleist.

Ihr Weg zur Bühne war nicht vorhergezeichnet. Ausschlaggebend war eine Inszenierung des Wolfgang-Bauer-Stücks "Change". Was hat Sie daran begeistert?

Damals besuchte ich die HTL für Maschinenbau. Ich hatte schon als Bursch ein Faible für Autos und Motorräder, in der Ausbildung fühlte ich mich aber völlig fehl am Platz. Was war die Alternative? Wolfgang Bauers Stück war da wie ein Erweckungserlebnis: Auch so konnte man Theater machen! Na, das traute ich mir zu! Von Berufs wegen lesen? Das hat mir als Vielleser auch gefallen. Aber wie wird man Schauspieler? Drei Ausbildungsstätten kamen in Frage. Erstens das Mozarteum in Salzburg – aber ich wollte damals nicht von Linz zu den Salzburger Lodenmantelträgern wechseln. Das Wiener Reinhardt-Seminar wiederum schreckte mich ab, das erschien mir zu elitär, davor hatte ich Spundus. Blieb noch Graz. Ich meldete mich zur Aufnahmeprüfung an. Als ich dort ankam, wollte ich gleich wieder umdrehen, mir wurde blümerant. Bestimmt war ich grauenvoll, aber ich wurde aufgenommen. Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn ich es nicht geschafft hätte. Noch einmal hätte ich mir diese Prozedur bestimmt nicht angetan.

Ihre Theaterkarriere führte Sie an viele namhafte Häuser. Weithin bekannt wurden Sie aber durch den Wiener Polizisten Trautmann im "Kaisermühlen Blues", eine von 1992 bis 2000 ausgestrahlte ORF-Fernsehserie, die es über die Grenzen Österreichs zu einiger Bekanntheit brachte. Was hat Drehbuchautor Ernst Hinterberger richtig gemacht?

Vieles! Dabei wollte ich den Trautmann ursprünglich gar nicht spielen, weil ich generell nicht in einer Fernsehserie mitwirken wollte. Regisseur Harald Sicheritz hat mich eine Nacht lang überredet. Als die Flasche Wodka leer war, willigte ich ein.

Wie haben Sie der Figur zu solcher Popularität verholfen?

Die Rollenbeschreibung war: leiwander Kiberer. Was soll das, bitte, sein? Mein Verhältnis zur Polizei war damals, gelinge gesagt, zwiespältig. Als leidenschaftlicher Motorradfahrer hatte ich dauernd Wickel mit der Behörde – und jetzt sollte ich einen von denen spielen? Dazu muss man wissen: Ernst Hinterberger wollte selbst Polizist werden, war es in den 1950er Jahren auch, musste als Brillenträger aber den Dienst quittieren. Die Figur des Trautmann war gewissermaßen sein Alter Ego, vieles war authentisch. Er verlieh der Figur unkonventionelle Konturen.

Ist Ihnen Trautmann ans Herz gewachsen?

Je näher man eine Figur an sich heranlässt, umso weniger muss man spielen. Je weniger man spielt, umso glaubwürdiger wird man vor der Kamera.

Sie wurden für Ihren Trautmann von der Polizei längst zum "Ehrenkiberer" erhoben.

Das war unglaublich. Kriminalbeamte behandelten mich, als wäre ich einer von ihnen! Damals gab es eine unpopuläre Polizeireform, und eine Figur wie der Trautmann stellte für die Polizisten bereits etwas Nostalgisches dar. Auch die Zuschauerreaktionen waren erstaunlich: Im ersten Trautmann-Krimi ging es darum, dass er mit unlauteren Mitteln einen russischen Gangster hinter Gitter bringt. Am Tag nach der Fernsehausstrahlung flanierte ich die Tigergasse entlang, da bremste sich ein Auto neben mir ein, der Fahrer kurbelte das Fenster hinunter und rief: "Super, Trautmann, weiter so!"

Ist es Arbeit, wenn es Spaß macht?

Arbeit ist es immer. Nichts fällt einem in den Schoß, alles erfordert Disziplin und Einsatz. Seit mehr als vier Jahrzehnen übe ich den Beruf aus, bis zum heutigen Tag plagen mich Versagensängste. Die Angst ist immer da, die treibt einen immer weiter.