Nach 16 Jahren nimmt Roland Geyer Abschied vom Theater an der Wien. Der gebürtige Wiener hat das Haus geleitet, seit es 2006 vom Musicalfach wieder auf sein angestammtes Genre, die Oper, umgestellt wurde, und hat in seiner langen Amtszeit Erfolge verbucht, die bis ins Ausland ausstrahlten - gipfelnd in der Verleihung des International Opera Award für "Peter Grimes" in der Regie von Christof Loy. Mit dem Saisonende übergibt der 69-Jährige nun das Zepter an Stefan Herheim, der rund zwei Jahre lang das Museumsquartier bespielen muss, weil das Haus an der Wienzeile generalsaniert wird.

"Wiener Zeitung": Im Jahr 2006 hielten viele in Wien ein drittes Opernhaus für unnötig, wenn nicht gar sinnlos. Wie fühlten Sie sich? Unbehaglich?

Roland Geyer: Es war herausfordernd. Und ich war überrascht von der Missbilligung, die damals auch von Kollegen kam.

Wien hatte bis dahin kein Stagione-Opernhaus - also ein Haus, das jede Produktion nur einige Male nach der Premiere wiederholt und Schließtage hat. Das galt als verschwenderisch.

Ja, man hat sich damals nichts anderes vorstellen können als Repertoirehäuser, die von September bis Juni durchspielen. Allerdings, wenn man sich das Programm der Staatsoper genauer ansieht, zeigt sich: Auch sie spielt eine Oper im Schnitt nur bis zu acht Mal pro Saison.

Trotzdem zeigt sie an jedem Abend eine Vorstellung . . .

. . . und sie bekommt dafür auch deutlich mehr Subventionen, nämlich mehr als 50 Millionen Euro. Das Theater an der Wien hat von der Stadt anfangs 20 Millionen erhalten, und dieser Betrag blieb bis heute fast unverändert. Das Stagione-System ist im Vergleich viel günstiger, und an Repertoirehäusern hatte die Stadt bereits genug. Ganz abgesehen davon hätte dem Theater an der Wien die Infrastruktur gefehlt für die Erfordernisse eines Repertoirebetriebs.

Im Vorjahr hat der Stadtrechnungshof Ihr Haus wegen vermeintlich schlechter Zahlen kritisiert. Fanden Sie den Tadel ungerecht oder ärgerlich?

Natürlich erwarte ich mir von einem RH-Bericht Kritik, aber manches fand ich ärgerlich. Um zur Erkenntnis zu gelangen, dass eine Uraufführung nicht die gleiche Auslastung bringt wie eine "Tosca", brauche ich keinen Rechnungshof. Und: Dass die Besucherzahlen bis 2017 - dem letzten Untersuchungsjahr - sanken, hatte einen guten Grund. Ich musste die Premieren im Sommer und das Osterklang-Festival streichen, weil die Stadt ihre Zuschüsse nicht erhöhte.

Künstlerisch betrachtet hat ein Stagione-Betrieb natürlich Vorteile: Die Regisseure können mit nahezu filmischer Perfektion arbeiten. Was waren Ihre Lieblingsproduktionen?

Während meiner Jahre sind 197 verschiedene Stücke über die Bühne gegangen - im Stammhaus und in der Kammeroper, die wir seit 2012 bespielen. Mein Favorit? Schwer zu sagen. Ich würde Loys "Peter Grimes" nennen, Robert Carsens "Platée", Keith Warners Regieerfolg mit dem "Besuch der alten Damen", die Arbeiten von Damiano Michieletto, Claus Guth - und natürlich die vielen Projekte mit den Dirigenten René Jacobs und Nikolaus Harnoncourt.

Wie konnten Sie Harnoncourt, der an der Staatsoper nicht auftrat, binden?

Ich hatte ihn schon ab 2000, als ich noch Intendant des Klangbogen-Festivals war, für mehrere Projekte gewonnen. Wir haben dann für 2007, als das Theater an der Wien seinen regulären Opernbetrieb aufnahm, Monteverdis "Il ritorno d’Ulisse" vereinbart. Im Jahr davor rief mich aber seine Frau überraschend an und erklärte, ihr Mann sei von dem Projekt abgekommen. Nikolaus Harnoncourt sei es sehr unangenehm, aber: Er habe schon viel für Monteverdi getan und wolle sich lieber Haydn zuwenden. Die Verträge waren längst fixiert! Nach einer schlaflosen Nacht habe ich dann auf Haydns "Orlando" umdisponiert und musste 8 der 13 gebuchten Sängerinnen und Sänger ausladen. Am Ende wurde es ein Riesenerfolg und hat meine freundschaftliche Beziehung mit der Familie Harnoncourt weiter gefestigt.

Sie haben immer wieder Quereinsteiger, nicht zuletzt namhafte Filmregisseure, ans Regiepult gebeten. Auch, weil das für Aufsehen sorgte?

Nein. Wenn ich einen Filmregisseur engagiert habe, dann, weil er in meinen Augen für ein gewisses Stück geeignet war: William Friedkin für "Hoffmanns Erzählungen", weil er den "Exorzisten" gedreht hat; Stefan Ruzowitzky für den "Freischütz" wegen seines Films "Die Siebtelbauern". Grosso modo musste ich aber erkennen, dass Quereinsteiger, auch die vom Film, im seltensten Fall eine Opern-affine Brille besitzen. Ihnen fehlt Erfahrung, was man Sängern live zumuten kann. Solche Arbeiten gelingen selten ideal. Eine Ausnahme: David Haneke, dessen "Enoch Arden"-Regie derzeit noch an der Kammeroper läuft (bis 11. Juni, Anm.).

"Arden" ist Ihre letzte Produktion als Intendant. Fällt der Abschied schwer? Und falls ja: Machen Ihnen Corona und die zweijährige Schließung des Hauses den Abgang etwas leichter?

Das ja. Aber in der Hauptsache bin ich glücklich mit meinen 16 Jahren. Ich konnte nach Belieben aus der Fülle des Repertoires schöpfen, habe ein breites Spektrum an Opern, von der Renaissance bis zur Gegenwart, präsentiert. Und das Publikum ist begeistert und treu mitgegangen.

Sie sind seit dem Jahr 2021 Vorsitzender im Aufsichtsrat des Volkstheaters und stehen auch der Stiftung des Hauses vor. Das Volkstheater hat nur noch 250 Abonnenten. Eine Problembühne?

Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler hat mich vor zwei Jahren gebeten, mich für das Volkstheater zu engagieren. Ja, die Zahlen sind dort in den Keller gerasselt. Aber das liegt an mehreren Faktoren. Erst ist das Theater umgebaut worden, dann wurde es unter dem neuen Intendanten Kay Voges eröffnet und wollte sich innovativ ausrichten - doch genau da kam die Pandemie dazwischen.

Voges ist also nicht am Verfall schuld?

Sein Programm will ein neues Publikum ansprechen, konnte es aber nicht finden wegen der Lockdowns und der Nachwirkungen der Pandemie. Das Publikum ist entwöhnt vom Live-Erlebnis und weiterhin zögerlich beim Kartenkauf. Das hat nicht nur mit Infektionsängsten zu tun, sondern auch mit all den ständigen Verschiebungen und Absagen. Ich erwarte mir aber, dass Voges den Neuaufbau schafft.

In den Sitzreihen der Wiener Theater, Opern- und Konzerthäuser klaffen weiterhin Löcher . . .

Ich habe das Gefühl, da gibt es momentan keinen Aufwärtstrend. Früher war es ungefähr so: Die Häuser hatten ihre Highlights, die waren bummvoll. Auf der anderen Seite gab es Abende, die waren so um die 80 Prozent gebucht. Aber die sind plötzlich nicht einmal mehr halbvoll!

Wie geht es dem Theater an der Wien? Laut Pressestelle der Vereinigten Bühnen Wien liegt Ihre Auslastung in dieser Saison bei 83,5 Prozent.

Die letzten drei Produktionen waren sensationell. Wir hatten im Dezember ein Masel, "Giulio Cesare" wie geplant zeigen zu können: Der Lockdown war kurz davor aufgehoben worden, die Karten verkauften sich super. "Tosca" in der Regie von Martin Kušej ist ausgebuht worden, war aber fast ausverkauft. Und wir hatten dann auch mit "Jenůfa" Corona-Glück. Wer weiß: Vielleicht spielte da nicht nur die Besetzung mit Nina Stemme mit, sondern auch, dass die Leute das Haus noch mal vor der Schließung sehen wollten. Wir waren ausverkauft. Dagegen tun wir uns mit der Kammeroper derzeit gleich schwer wie die anderen Theater.

Zum Abschluss eine Frage ins Blaue: Die Wien Holding sucht für das 200-Jahr-Jubiläum von Johann Strauß Sohn 2025 einen Intendanten, der ein ganzjähriges Programm ausrichtet. Wären Sie interessiert?

Ins Blaue geantwortet: ja.