Tom Menanteau sieht sehr jung aus. Das macht den Schauspieler, wie aus den ersten Zeilen des Stückes "L’Aventure invisible" hervorgeht, perfekt zur Verkörperung von Jérôme Hamon, einem Mann Mitte 40, der seit seiner zweiten Gesichtstransplantation die Züge eines 20-Jährigen trägt. Da er den Mund nicht schließen könne, erkenne man nicht, wie er lächelt, erklärt er. "Das ist ein Problem." Es ist Hamons drittes Gesicht. Nach der ersten Transplantation kam es zu einer Abstoßung, er musste sechs Wochen auf die nächste Spende warten. Ohne Gesicht. Körperhorror pur.

Der Journalist, Film- und Theatermacher Marcus Lindeen hat nicht nur Hamon interviewt, auch die nonbinäre Künstlerin Sarah Pucill (Franky Gogo) und die Neurowissenschaftlerin Jill Bolte Taylor (Isabelle Girard). Pucill stellte für einen Film Fotos der auch Geschlechtergrenzen negierenden Surrealistin Claude Cahun (1894-1954) nach, Bolte Taylor verlor bei einem Schlaganfall ihre Erinnerungen. Passagen der Recherchegespräche wurden geschickt so verschnitten, als erläuterten die Figuren einander ihre höchst eigenen, ambivalenten Zugänge zum Thema Identität.

Szenisch passiert im französischen Festwochen-Gastspiel wenig. Statt mit den Sprechenden in einer Arena zu sitzen und die Übersetzung in einer Handy-App mitzulesen, könnte man den interessanten Stoff auch als Podcast verfolgen. Außer ganz am Schluss. Da zeigt Tom Menanteau, dass er nicht mit Jérôme Hamon identisch ist, und legt den Verfremdungseffekt des Theaters offen: Er lächelt.