Christopher Rüping (36) gehört zu den bedeutendsten Regisseuren des Gegenwartstheaters. Schon fünf Mal wurde eines seiner Stücke zum renommierten Berliner Theatertreffen eingeladen, nun ist mit "Der Ring des Nibelungen" erstmals eine seiner Inszenierung in Wien zu sehen: Einer der programmierten Höhepunkte der diesjährigen Festwochen.

"Wiener Zeitung": Warum pendeln Sie in Ihren Inszenierungen häufig zwischen Klassikern und seltenen Fundstücken?

Christopher Rüping: Ich finde es wichtig, immer wieder den Gang zu wechseln, das hält einen in Bewegung. Unter den kanonisierten Texten gibt es Werke, bei denen es sich lohnt, sie immer wieder neu zu erzählen, und es gibt andere, von denen ich glaube, dass wir ohne sie besser dran wären.

Denken sie dabei etwa an Wagners "Ring", den Sie im Verbund mit Autor Necati Öziri völlig umkrempeln?

Ein Werk wie Richard Wagners "Ring" gehört zu den Säulen unseres kulturellen Bewusstseins, die wir immer wieder neu auf ihre Tragfähigkeit hin überprüfen sollten. Gleichzeitig brauchen wir einen Kanon zeitgenössischer Stoffe - Erzählungen, die unserer Gegenwart entstammen und eben diese verhandeln - egal ob wir sie in Filmen, Serien, Videospielen oder Romanen finden.

Postdramatik gehört nicht dazu?

Ziel jeder Inszenierung ist es unabhängig vom Stoff, dass das Publikum etwas erlebt, im besten Fall wiederkommen möchte und die Aufführung nicht mit dem Eindruck verlässt, rein gar nichts kapiert zu haben. Ich sehne mich im Theater nach Gemeinschaft. Das ist eine zentrale Qualität dieser Kunstform, die leider leicht in Vergessenheit gerät. Viele meiner Inszenierungen beginnen mit einem Text, der das Publikum direkt adressiert. Für mich schafft die direkte Ansprache die Voraussetzung dafür, dass aus Fremden eine flüchtige Gemeinschaft entstehen kann.

Was ist, wenn sich jemand davon nicht angesprochen fühlt?

Das passiert immer wieder, aber das Risiko gehe ich gerne ein.

Keine Ihrer Inszenierung gleicht der anderen.

Die Form ist für mich nie Selbstzweck, sondern entsteht immer aus dem Inhalt. Da wir mit sehr unterschiedlichen Stoffen arbeiten, folgen daraus auch unterschiedliche Formen. Im besten Fall entstehen so Streifzüge durch verschiedene Bereiche der Welt, in der wir leben. Das Theater ist für mich einer der wenigen Freiräume, in denen man sich gemeinsam mit der Welt beschäftigen kann.

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Christopher Rüping. - © F. Karrer
Christopher Rüping. - © F. Karrer

Es ist so leicht, angesichts der gewaltigen Herausforderungen unserer Zeit zu resignieren. Dabei muss es doch darum gehen, trotz der Ohnmacht nicht zu verzweifeln und sich nicht der Resignation hinzugeben. Da kann Theater einen Beitrag leisten, indem es sich den großen Fragen unserer Gegenwart stellt - ohne zu sehr zu vereinfachen und gleichzeitig ohne in Passivität zu versinken.

Anfang des Jahres haben Sie eine Diskussion zum Publikumsschwund angestoßen, wie beurteilen Sie die Lage heute?

Man kann vorsichtig optimistisch sein, die Bühnen sind wieder etwas besser besucht. Gleichzeitig meine ich, eine Verschiebung der Besuchermentalität zu bemerken: Seit Corona wägt das Publikum noch sorgfältiger ab als zuvor, ob der Theaterbesuch den Aufwand und das mögliche Risiko auch tatsächlich lohnt. Es liegt nun an den Theatern, ihre Inhalte klarer zu kommunizieren. Und natürlich wird man sich auch in Zukunft die Frage stellen müssen: Wie erreichen wir diejenigen, die bisher noch nicht ins Theater kommen?