Autor Necati Öziri hat im Verbund mit Regisseur Christopher Rüping eine beispiellose Re-Lektüre von Wagners "Ring" vorgelegt. In einem E-Mail-Interview verrät der 34-Jährige, inwiefern dieses Projekt sein Schreiben veränderte.

"Wiener Zeitung": Eignet sich Wagners "Ring" überhaupt für eine Neudeutung?

Necati Öziri: Wagners Ring hat einen universalistischen Anspruch: Wagner möchte mit seinem Gesamtkunstwerk-Nationalmythos die ganze Welt vom Ursprung bis zum Untergang erzählen. Und diese Geste ist meiner Meinung nach im Kern schon faul. Daher haben Christopher Rüping und ich uns entschieden, eher in radikal subjektive Positionen und in die Fragmentierung zu gehen, was wiederum einzelne, abgetrennte Monologe bedeutete. Das war die Hauptaufgabe der Korrektur: eine Geschichte mit universalistischem Anspruch zu einer subjektiven und verletzlichen zu machen.

Sie halten den Anfangsmonolog und bringen sich sehr persönlich ins Spiel - wie ist das für Sie?

Dass ich selbst den Anfangsmonolog halte, gründet genau darin. Es war die Idee von Christopher Rüping, er sagte zu mir: "Wenn du dein Vorhaben mit der Korrektur Wagners ernst nimmst, dann müsstest du dich auch selbst dahin stellen und in die verletzliche Position auf der Bühne gehen." Und genauso fühlt es sich für mich auch an: Ich kann mich nicht wie sonst hinter dem Text verstecken. Aber gleichzeitig genieße ich es auch, wortwörtlich dafür einzustehen, was ich tue. Es ist verletzlich und zugleich empowernd. Es ist nicht einfach ein Schreiben, Abgeben und Tschüss. Es hat mein Schreiben verändert, ich hab nun beim dramatischen Schreiben vielmehr als vorher die Menschen im Kopf, die das Projekt eine Zeit lang begleiten.

Ist Ihre "Korrektur" des Klassikers die Suche nach einer neuen Form des politischen Theaters?

Die Korrektur des Klassikers ist ein möglicher Umgang mit unseren gewalttätigen Geschichten. Statt zu zensieren oder zu kommentieren, bin ich für die künstlerische Intervention. Ich versuche dabei jenen Stimme und politische Agenda zu geben, die bei Wagner keine haben. Für mich ist es eine Form der Aneignung im Sinne der Appropriation Art. Ich versuche dabei, so nah an bei Wagner stereotypisierte Charaktere heranzuzoomen, dass sie alle Wagners Labels wieder von sich streifen. Ich finde, das Politische an dieser Form von Theater ist, dass eine Minderheit auf der Bühne zu einer Mehrheit vor der Bühne spricht. Und jetzt können wir uns fragen: Was bedeutet es, dass wir uns eine Welt teilen müssen.

Necati Öziri. - © Esra Rotthoff
Necati Öziri. - © Esra Rotthoff

Ihre Dramatik ist zugängig, der Sprachgebrauch erinnert an die Unmittelbarkeit des Erzähltheaters, hat etwas von Spoken Word Poetry.

Hip Hop ist für mich immer schon eine wichtige Inspirationsquelle gewesen. Für mich ist das Theater der Musik und vor allem dem Konzert viel näher als der Literatur. In diesem Projekt wurde das besonders wichtig und ich wusste sofort, dass ich Wagners Stabreim einen spezifischen Sound entgegensetzen will. Aber es stimmt auch, dass mich sprachliche Schnörkel nicht so interessieren. Ich finde "Unmittelbarkeit" trifft es sehr gut. Es hat mich schon immer mehr gereizt, etwas "Unerhörtes" zu erzählen und Ungehörten die Stimme zu geben, als etwas Bekanntes auf eine neue Art zu sagen.

Sehen Sie sich in der Tradition der Volksstücke?

Definitiv versuche ich, Charaktere auf die Bühne zu bringen, deren größtes Problem nicht darin besteht, dass ihr Bruder alles erbt, wie bei Schillers "Räubern" oder so. Mich interessieren Geschichten und Handlungen und ich möchte, dass die Menschen im Theater sich gemeint fühlen. Ich möchte, dass meine Texte die Leute irgendwo in der Magengegend treffen. Ich möchte, dass das Theater weniger eine moralische Anstalt wird und mehr eine empathische, wo wir üben, einander anders zu sehen - ich meine damit körperlich.