Wagner allein ist schon schlimm genug. Eine Dekonstruktion seines "Ring des Nibelungen" könnte, wenn schon keine Rettung, so zumindest das bedeuten, was das 16-Stunden-Monstrum in den wenigsten Momenten ist: ein Bühnen-Vergnügen. Doch was Necati Öziri (Text) und Christopher Rüping (Inszenierung) bieten, ist mit gut dreieinhalbstündiger Spieldauer ebenfalls ein Monstrum. Die Festwochen haben die Produktion des Schauspielhauses Zürich nach Wien geholt.

Die zentrale Gestalt auf der Bühne: Black Cracker. - © Sabina Boesch / Schauspielhaus Zürich
Die zentrale Gestalt auf der Bühne: Black Cracker. - © Sabina Boesch / Schauspielhaus Zürich

Ein spannender Ausgangspunkt: Wagners deutsche Identitätsstiftung aus der Gegenwart befragen: Wer ist das "Wir"? Wer sind "die Anderen"? Aktuell diskutierte Identitätsprobleme auf die Bühne holen: die Frau mittleren Alters (Fricka), Gastarbeiterkinder (die Riesen), Emanzipation (Brünnhilde). Eine Diskussion anregen über Positionen in der Gesellschaft, über Zugehörigkeiten. Öziri und Rüping geht es um Verletzlichkeiten und Verletzungen. Wagners "Ring" liefert Personenreservoir und dünne Handlungsfäden, bleibt sonst aber weit entfernt, ist gerade einmal ein Hintergrundrauschen.

Gastarbeiterkinder im Rap der Riesen (v.l.n.r.): Black Cracker, Steven Sowah und Benjamin Lillie. - © Sabina Boesch / Schauspielhaus Zürich
Gastarbeiterkinder im Rap der Riesen (v.l.n.r.): Black Cracker, Steven Sowah und Benjamin Lillie. - © Sabina Boesch / Schauspielhaus Zürich

Lesestoff - Bühnenstoff

Ein Lesestoff wäre das, zweifellos.

Aber auch ein Bühnenstoff?

Umgesetzt sieht das so aus: Zuerst erklärt Öziri selbst, weshalb er sich auf das Projekt eingelassen hat. Frage ins Publikum: "Wer von euch hat den ,Ring‘ in der Oper gesehen?" - Handzeichen. "Wer von euch hat den Text gelesen?" - Handzeichen. "Wer von euch war in Bayreuth?" - Handzeichen. Missglückte Stand-up-Comedy?

Nicht nur: Die Frage, ob der Nachkomme türkischer Eltern an seiner Herkunft, an seinem eigenen "Wir", Verrat begeht, wenn er sich mit einem Werk befasst, dessen Autor "Wir" und "die Anderen" auf eine Weise definiert hat, die geradewegs in den Nationalsozialismus führte, hat Sprengkraft. Da glaubt man noch an die Möglichkeit eines wichtigen Theaterabends.

Doch so geht es weiter: Während gut drei Stunden treten Gestalten aus Wagners "Ring" an die Rampe, eine nach der anderen, und beklagen in Monologen ihr Schicksal. Black Cracker am Mischpult, zentrale Gestalt auf der Bühne, versorgt sie dazu mit einigen musikalischen Wagner-Anspielungen, spiegelt sonst aber das Selbstmitleid der Gestalten wider.

Erst jammert Erda. Dann jammert Alberich. Dann jammert Brünnhilde. Pause. Dann rappeln und hiphopsen die Riesen, ehe sie zu jammern beginnen, das aber immerhin in einem absolut synchronen Sprechduett (Benjamin Lillie und Steven Sowah), das einen der stärksten Momente des Abends abgibt. Dann jammert noch Fricka, ehe Wotan selbst, Matthias Neukirch macht das famos, eine irre Wutrede über Ordnung ganz im "Alter-Weißer-Mann"-Klischee hält. Jammern freilich tut auch er über sein Los, nur jammert er lauter und wirft sich selbstherrlicher in Pose.

Zu guter Vorletzt’ die Märchenstunde: Der Waldvogel erzählt, wie das war mit dem Drachen und dem Drachentöter, und jeder erzählt es etwas anders weiter, so entstehen Mythen - und daraus vielleicht ein neues "Wir". Piep, piep, habt euch alle lieb: Bitte kommt alle auf die Bühne, feiert mit uns und nehmt ein Kerzlein. Der Kitschdeckel schließt das Larmoyanzfass.

Glückskeks und Esoterikseminar

Nicht, dass Öziris Texte absichtlich einfach daherkommen, soll man ihnen vorwerfen. Aber bedeutet Einfachheit wirklich ein Schwanken zwischen Glückskeksweisheiten und Selbstermutigung im Tonfall eines Esoterikseminars? Rüping setzt das als scheinbare Improvisation in Szene, der man indessen die Spontanität nicht abkauft. Leiter-rauf-Leiter-runter. Und sonst?

Die Gesamtkunstwerker: Alle, von Wagner über Skrjabin bis zu Hermann Nitsch, wollen sie, dass ihr Publikum schaut statt sieht. Das Gefühl soll überwältigen, nicht der Intellekt das Werk befragen. "Der Ring des Nibelungen" ist das Paradebeispiel dafür. In diesem Sinn gehen Öziri und Rüping Wagner auf den Leim: Wie er seinerzeit, so packen sie heute die richtigen Themen an. Aber sie lullen ein mit überlanger Spieldauer, zerdehnter, genauer: inexistenter Aktion. Selbstmitleid war noch nie ein Appell zur Veränderung.

Das soll eine Wagner-Demontage sein? - Für eine "Ring"-Regie nach Bayreuth einladen sollte man Öziri und Rüping!

Theater

Der Ring des Nibelungen

Von Necati Öziri (Text) und

Christopher Rüping (Regie)

Mit Yodit Tarikwa, Matthia Neukirch, Black Cracker u.a.

Wiener Festwochen, Museumsquartier Halle E

Wh.: 3. Juni