Manchmal übertrifft die Realität selbst die beste Fiktion. Nach Homeoffice und Homeschooling, stundenlangen Video-Calls und Zoom-Sitzungen, nach all den virtuellen Schlupflöchern, in die wir uns in den vergangenen beiden Jahren durch die coronabedingten Lockdowns verkrochen haben, kommt einem E. M. Forsters Sci-Fi Novelle "Die Maschine steht still" fast wie eine bittere Gegenwartsdiagnose vor.

Allerdings stammt Forsters Text aus dem Jahr 1909. Wie präzise der 1970 verstorbene britische Autor die Technikabhängigkeit der Menschheit vorhersah, hat etwas Unheimliches - und unheimlich Inspirierendes. Forsters Dystopie beeinflusste Autoren wie Aldous Huxley "Schöne neue Welt" (1934), George Orwell "1984" (1948). Nicht unüblich für Sci-Fi-Klassiker flirren Motive aus dem Buch auch durch die Pop-Welt, so gibt es von Level 42 einen gleichnamigen Song, auch die Streaming-Serie "Black Mirror" bezieht sich auf Forster.

Online-Geplänkel

Nun erobert Forsters Technik-Vision auch das Theater. Burg-Schauspielerin Caroline Peters nimmt die Novelle zum Ausgangspunkt ihrer Neudeutung mit dem Titel "Die Maschine steht nicht still". Die Inszenierung wurde nun im Rahmen der Wiener Festwochen im Theater Nestroyhof Hamakom uraufgeführt.

Der weiße Bühnenraum eignet sich hervorragend für Video-Projektionen, mit einem Gazevorhang vervielfältigen sich Eric Dunlaps Visuals, die absichtsvoll die Ästhetik der Avantgarde der Jahrhundertwende zitieren und sich mit bunten Abstraktionen auf die Entstehungszeit der Novelle beziehen. Caroline Peters tritt in einem froschgrünen Kleid als Kuno in Aktion, unterstützt wird die Aktrice bei ihrem 70-minütigen Monolog vom Live-DJ Lars Deutrich und der Live-Kameraführung von Andrea Gabriel, die für effektvolle Verdoppelungen von Peters auf der Leinwand sorgt.

Der Protagonist Kuno hält sich in einem wabenartigen Raum auf und interagiert vornehmlich mit einer Künstlichen Intelligenz namens Isadora; selbst die Nahrungsaufnahme funktioniert hier rein virtuell; zu einem Abendessen mit Freunden erscheinen auf der Leinwand sechs Peters-Doppelgängerinnen, die einander nach allen Regeln der Kunst auf die Nerven gehen, bis die digitale Abendgesellschaft mit einer einzigen Handbewegung aufgehoben wird. Im Grunde verplempert Kuno seine Lebenszeit mit sinnlosem Online-Geplänkel und Video-Games.

Die Stärken der Inszenierung liegen in den absurden und grotesken Momenten, die durchaus einen Wiedererkennungseffekt haben. Diese Szenen vermag Peters mit der ihr eigenen Verve gekonnt umzusetzen. Doch das tieferliegende Unbehagen, dass die Welt außerhalb der Hemisphäre der Technik als feindlich wahrgenommen wird, bleibt in der Inszenierung weitgehend unberührt, vor allem am Ende verliert das ambitionierte Unternehmen an Kontur und Schärfe.

Auch wenn "Die Maschine steht nicht still" nicht restlos überzeugt, bleibt dennoch das Verdienst, dass endlich das digitale Zeitalter zum lohnenswerten Bühnensujet erhoben wird.