Der niederländische Choreograf Hans van Manen zählt bereits seit Jahrzehnten zu den größten zeitgenössischen Tanzschaffenden. Er ist als Tanzpurist bekannt, der handlungslose Ballette kreiert, in denen er in seinem unverwechselbaren Stil formale Strenge und Eleganz mit Erotik verbindet. Am 11. Juli feiert van Manen seinen 90. Geburtstag. Zuvor, nämlich am Samstag, 4. Juni, hat im Ballettabend "Kontrapunkte" sein Werk "Four Schumann Pieces" Premiere. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erzählt er, weshalb er zu choreografieren begann, von den Anforderungen an Tänzer und warum seine Ballette nicht an Aktualität verlieren.

"Wiener Zeitung": Sie haben mehr als 150 Werke choreografiert, sind als Zeitgenosse zum Klassiker der Tanzwelt geworden, Ihre Stücke werden von den renommiertesten Kompagnien gezeigt. Wie fühlt man sich dabei als Künstler?

Hans van Manen: Prima! Ich habe aufgehört, Choreografien zu kreieren. Ich fand 150 wirklich mehr als genug. Aber ich arbeite mit den Einstudierungen meiner Ballette immer weiter. Ich bin viel auf Reisen, nun in Wien, um bei der Premiere von "Four Schuman Pieces" dabei zu sein. Die Anerkennung ist wichtig, und ich freue mich über das Interesse. Aber ich bin mit der Tanzkunst beschäftigt. Zu meinem Geburtstag werden viele Kompagnien anreisen und meine Stücke tanzen. St. Petersburg wollte auch kommen, aber leider ist das nicht mehr möglich. Das ist wirklich schade, denn was haben die Künstler damit zu tun . . .

Sie wollten schon sehr früh Tänzer werden, es heißt, bereits mit fünf Jahren hatten Sie dieses Ziel vor Augen. Sie haben dann aber als Profi nur wenige Jahre getanzt, um sich alsbald dem Choreografieren zu widmen. Was war der Auslöser für diese Entscheidung?

Als ich sieben war. (lacht) Mit 13 Jahren habe ich die Schule beendet, es war gerade das Ende des Krieges, und ich arbeitete fünf Jahre lang am Theater als Maskenbildner. Mit 18 Jahren dachte ich mir: "Jetzt, oder nie!" Damals war man schon froh, wenn ein Mann überhaupt tanzen wollte, da war 18 Jahre kein Problem. Heutzutage ist das nicht mehr möglich.

Das Wiener Staatsballett in "Four Schumann Pieces". - © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor
Das Wiener Staatsballett in "Four Schumann Pieces". - © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor

Und warum haben Sie dann aufgehört zu tanzen?

1960 war ich Tänzer, Choreograf und übernahm auch noch die Leitung des Nederlands Dans Theater. Das war zu viel. Ich fühlte mich zur Choreografie hingezogen, schon als Tänzer.

Was hat Sie am Choreografieren so fasziniert?

Man kann Klavier spielen, man kann aber auch Komponist werden, weil man das so in sich trägt. Als Choreograf ist man ein Komponist von Schritten. Als ich das erste Mal eine Choreografie kreierte, fand ich das so fantastisch. Und es war dann das Einzige, was ich tun wollte in meinem Leben. Ich wollte kein Kompagnie-Direktor sein, sondern mich dem Tanzschaffen widmen.

Sie haben vorhin angesprochen, dass man heute im Alter von 18 Jahren nicht mehr zu tanzen beginnen kann.

Ja, heute startet man die Ausbildung mit zehn Jahren. In den letzten 20 Jahren hat sich das Niveau des Könnens unglaublich gehoben. Das ist wie bei den Olympischen Spielen, die Sportler sind besser geworden. Das Gleiche gilt für das Ballett mit seiner Technik und Virtuosität. Wir waren früher schon froh, wenn ein Tänzer eine Double tour en l’air (zweifache gesprungene Drehung in der Luft, Anm.) und drei Pirouetten drehen konnte. Heute drehen sie acht Pirouetten. Ich bin enorm begeistert über die Leistungen der Tänzer heutzutage.

Die kommende Staatsballett-Premiere zeigt "Four Schuman Pieces", das Sie 1975 choreografiert haben. Woran mag es liegen, dass Ihre Werke nicht an Aktualität verlieren?

Es gibt Ballette, die 50 bis 55 Jahre alt sind und noch immer überall auf der Welt gezeigt werden. Da bin sehr froh darüber. (lacht) Ich denke, es liegt daran, dass ich gerne Märchen erzähle, die ziemlich abstrakt sind. Und sie handeln immer von menschlichen Beziehungen. Das bleibt aktuell. Gleichzeitig sagen die Menschen, dass meine Stücke sehr verschieden sind, aber dennoch eine gemeinsame Handschrift, nämlich meinen Stil haben.

In Ihren Balletten sind Mann und Frau gleichgestellt, deutsche Tanzkritiker meinten einmal, Sie hätten die Frau im Tanz emanzipiert. War das beabsichtigt, oder hat es sich ergeben?

Es gibt bei mir keinerlei Unterschied zwischen Männern und Frauen von Natur aus. Bei mir knien keine Frauen. In "Four Schuman Pieces" ist die Hauptrolle jedoch von einem Mann besetzt. In anderen Stücken sind es wiederum Frauen. Die Tänzerinnen und Tänzer sind neben der Musik meine Hauptinspiration.

Sie feiern am 11. Juli Ihren 90. Geburtstag. Wie werden Sie diesen begehen?

Es wird ein großes Tanzfestival (Hans-van-Manen-Festival, 8. bis 29. Juni, Anm.) mit dem Niederländischen Nationalballett geben, bei dem nationale und internationale Tanzkompagnien meine Werke tanzen werden. Das wird fantastisch!