Es ist ein Abend der ganz Großen: Anne Teresa De Keersmaeker, Merce Cunningham und Hans van Manen sind die Meisterchoreografen des neuen Ballettdreiteilers "Kontrapunkte", der am Wochenende in der Volksoper Premiere feierte. So unterschiedlich die choreografischen Handschriften der drei auch sind, so haben sie doch einiges gemein: "Große Fuge", "Duets" und "Four Schumann Pieces" sind keine Handlungsballette, sie verzichten auf Bühnenausstattung, setzten auf Bewegungsästhetik und hohes technisches Niveau sowie Ausdauer der Ausführenden.

Perfektion und Freude

Der Abend startet mit Anne Teresa De Keersmaekers "Große Fuge" mit Streichquartett. Ludwig van Beethovens spätes Werk wird von der belgischen Choreografin in Bewegungen übersetzt, die von ihren zahlreichen Wiederholungen in unterschiedlichen Formationen leben. Es sind sieben Tänzer (darunter etwa Eno Peci, Andrey Kaydanovskiy oder Lourenço Ferreira) und eine Tänzerin (beeindruckend präsent: Fiona Mc Gee) in schwarzen Anzügen und weißen Hemden, die in engem musikalischem Zusammenspiel zwischen kraftvollen Sprüngen und am Boden rollend Synchronität in Perfektion zeigen, aber auch die Freude am Tanz vermitteln.

"Duets" von Merce Cunningham (1919-2009) hingegen ist eine geometrisch strukturierte Farbenexplosion, die er 1980 zur Klangcollage seines Partners John Cage kreierte: Der Pionier der amerikanischen Avantgarde ließ in knalligen simplen Trikot-Kostümen, die jeden Muskel, jeden Atemzug sehen lassen, sechs Paare seine linearen, strengen Tanzsequenzen exerzieren, die noch deutlich etwa die Kontraktionen des Oberkörpers zeigen - später verschwimmt diese Bestimmtheit.

In Cages Trommel-Improvisation III, live elektronisch aufbereitet von Béla und Michael Fischer, tanzen - unterbrochen von Stopps, die Gleichgewicht und Kraft fordern - etwa Gloria Todeschini und Daniel Vizcayo, Alexandra Inculet und Hanno Opperman oder auch Laura Cislaghi und Andrés Garcia Torres.

Hyo-Jung Kang und Davide Dato in "Four Schumann Pieces" von Hans van Manen. - © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor
Hyo-Jung Kang und Davide Dato in "Four Schumann Pieces" von Hans van Manen. - © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor

Tour de force für Davide Dato

Mit "Four Schumann Pieces" des Ballett-Doyen Hans van Manen schließt der kurzweilige Ballettabend. Bereits 1975 entstanden, ist es auch heute noch ein durchaus inhaltlich sowie inszenatorisch aktuelles Stück. Auf dem klassischen Ballett basierend wird hier über menschliche Beziehungen, Einsamkeit und Ablehnung sowie zarte Annäherungen reflektiert. Im Mittelpunkt steht ein Tänzer, es ist Davide Dato. Der Erste Solist hat hier die Möglichkeiten, seine Talente auszuleben: Sprünge, Balancen und Pirouetten sind in van Manens Choreografie eine Tour de force, die Dato beinahe perfekt umsetzt und mit tosendem Applaus und endlich einmal wieder mit geworfenen Blumen vom Publikum gedankt bekommt. Als van Manen mit seinen äußerst rüstigen beinahe 90 Jahren zur Verbeugung die Bühne betritt, ehren die Zuschauer den Ausnahmechoreografen mit lang anhaltenden Standing Ovations.