Der einsame Beifall-Spender im Museumsquartier hat es nicht gewusst: Nein, Iannis Xenakis’ "Kraanerg" endet nicht nach 20 Minuten. Die Musik legt an dieser Stelle nur eine Verschnaufpause ein. Danach sirrt und greint die Streichergruppe auf der Bühne wieder unerbittlich, und das Bläserkollektiv nebenan bildet, meist im Anschluss, pulsierende Lärmwände der Extreme. Im Laufe der 75 Minuten wird es nur dann etwas friedlicher, wenn eine weitere, verschwommene Schallquelle durch den Raum geistert - nämlich ein vorab aufgezeichnetes, elektronisch verfremdetes Orchester. "Musik für Orchester und Tonband" nannte man das in den 1960er Jahren. Das klang unerhört progressiv, und so mutete damals wohl auch die Dauer-Schrillheit dieser Musik an.

Energetisches Einerlei

"Kraanerg", 1969 in Kanada uraufgeführt, machte aber nicht nur damit Eindruck. Xenakis, Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten, später im griechischen Bürgerkrieg aktiv und zum Tod verurteilt, nach Frankreich geflüchtet, als Architekt ausgebildet, zur Tonkunst übersiedelt-, war ein Charakterkopf der Kunst. Und sein neues Projekt hatte Event-Charakter: Immerhin gelangte damit ein Gesamtkunstwerk auf die Bühne, angereichert um Op-Art von Victor Vasarely und mit einer Choreografie von Roland Petit. Das zeitgeistige Tüpfelchen auf dem I: Sein Stück, so Xenakis, reflektiere auch die Proteste der Hippie-Kultur.

All das wissen heute nur noch Experten. Xenakis ist 2001 verstorben, sein Werk im Orkus der Geschichte verschwunden. Dem arbeiten nun die Wiener Festwochen entgegen und stellen "Kraanerg", zum 100. Geburtstag des Griechen, als Premiere auf die Bühne: Das Klangforum Wien arbeitet sich unter Dirigent Sylvain Cambreling durch die besagten 75 Minuten, die Französin Emmanuelle Huynh hat eine frische Choreografie ersonnen und lässt vier Figuren, je zwei Männer und Frauen, rund um die Musiker in der Halle G huschen, und die bewegten Lichtstreifen auf dem Boden (Caty Olive) zollen der Op-Art aus dem Jahr 1969 Tribut.

Es wird jedoch schon früh klar, wie sehr "Kraanerg" aus der Zeit gefallen ist. Die Reize dieses blockhaften Klangtheaters verbrauchen sich rasch, Abwechslung und Entwicklung sind nicht in Sicht. Ergebnis ist ein energetisches Einerlei, an dem das Ohr abstumpft. Mag Xenakis seine Musik auch mit ausgeklügelten, mathematischen Methoden erdacht haben: Das Resultat mutet so breiig und beliebig an wie die Ekstase einer Freejazz-Bigband.

Die meiste Kurzweil beschert noch das Tänzerquartett, das auf der Bühne ebenso barfuß zugange ist wie das Musikerensemble. Gut: Es erhellt sich nicht zweifelsfrei, was die mal robbenden, mal kriechenden Bewegungen, die kantigen Gesten und die fließenden Drehungen bezwecken und warum diese vier Tanz-Individuen auch den Dirigenten Cambreling umschleichen. Es spricht aber einiges für die Vermutung, dass zwischen den vier Figuren eine Art Vereinigungsprozess in Gang ist und dass dieses Teambuilding immer wieder stockt. Am Ende dann eine prägnante Geste: Eine Tänzerin streckt - martialisch oder pathetisch? - eine Faust empor, ihre Kollegen stützen sie, wirken nun zu einem Kollektiv zusammengeschweißt.

Wenig Beifall nach den letzten Noten, dafür umso mehr Enthusiasmus bei den Künstlerverbeugungen.