Der Termin hätte nicht besser fallen können: Am selben Tag fand die Vienna Pride 2022 statt, bei der an die 250.000 Menschen für LGBTIQ*-Rechte auf den Straßen, konkret über den Wiener Ring tanzten. Nach der Abschlusskundgebung ging es für einige dann auch direkt weiter ins Volkstheater, wo die Uraufführung von Michiel Vandeveldes "Joy 2022" zu sehen war. Für das neue Werk des international viel gebuchten Brüsseler P.A.R.T.S.-Absolventen, der in Österreich bereits bei ImPulsTanz, Steirischem Herbst und Donaufestival zu Gast war, kooperieren nun Wiener Festwochen und Münchner Kammerspiele.

Letztere liefern unter anderem Dramaturgie und einen Teil der geschlechterdiversen Ensembles, und so ist die "inklusive" Erwartung auch dementsprechend hoch. Vielleicht zu hoch, gelingt es Vandevelde letztlich nicht, sexuelle Vertrautheit in der angekündigten Form eines "Manifests der Freuden und Schmerzen des intimen gemeinsamen Seins" auf die Bühne zu stemmen. Und das, obwohl der auch schon mal als "Gesamtkunstwerker" bezeichnete Künstler wie gewohnt aus dem Vollen der Recherchen schöpft, agierende Figuren der Sexpositivity-Szene mit Mitgliedern des Münchner Ensembles mischt und sich auch selbst als Performer in die mit theoretischen Referenzen aufgeladenen Bilder hineinbegibt.

Eine bunte Revue der Freuden

Seinen choreografische Freudensrevue setzt Vandevelde dann in einen altbewährten dramaturgischen Rahmen. Noch während das Publikum seine Plätze sucht, nimmt auch das Ensemble an der Rampe Platz. Sobald alle in der Arena – auf der einen Seite ein historischer Theaterraum, auf der anderen eine von halbrundem Fransenvorhang und dahinterliegender Metallwand abgeschlossene runde Spielfläche – versammelt sind, beginnen die Menschen auf der Bühne, sich mit ihren Vornamen und Pronomen vorzustellen, Thesen und Fragen zu Sexualität, Patriarchat, Gewalt oder Verletzlichkeit in den Raum zu stellen und auch gleich das Publikum zum Mittun einzuladen, was angesichts des Settings und Zeitpunkts allerdings nicht klappt.

Im Zentrum der folgenden rund 90 Minuten stehen dann neun "Tableaus über Sexualität" – von mit Live-Kamera begleiteten, im verdunkelten Theater anrüchig wirkenden Sexspielen über "The Encounter", die intime Begegnung mit dem Körper eines/einer anderen, der auch anders sein darf als ganz "normal", "Selbstliebe", bei der mit allem gespielt wird, was der eigene Körper zu bieten hat, und "Desire" als konventionellem Theatermonolog über die erotische Begegnung mit dem Tod, bis hin zum bunt-glitschigen ikonografischen "Fleischtanz" und einer daran anschließenden finalen Waschung.

Kunst- und theaterästhetische Zitate – darunter Erwin Schulhoffs humorvolles Orgasmussolo "Sonata Erotica" (1919), Nijinskys bahnbrechende Choreografie "L’Après-midi d’un faune" (1912) und "Meat Joy" (1964) der 2019 verstorbenen US-amerikanischen Künstlerin Carolee Schneemann – schmücken dieses farben- und körperprächtige ästhetische Potpourri, bei dem die meiste Zeit lust- und liebevoll sexuelle Akte re-enacted werden. Vandevelde schließt den Bogen, wenn nach dem Verdunkeln der Bühne noch einmal die Stimmen dieses Teams mit letzten persönlichen Gedanken zu weiteren Aspekten, von denen manche noch immer als "Tabuthemen" gelten, zu hören sind. Und jene Leichtigkeit einfordern, die dem Diskurs gut tut, etwa wenn einer meint, dass es doch schön wäre, wenn Sex einfach so normal wäre wie der Satz (und die darauffolgende Handlung) "Ich geh’ jetzt einmal essen".

Vandevelde gelingt in seinen Arbeiten immer wieder, eine luzide Verbindung zwischen historischen, gesellschaftspolitischen und ästhetischen Fragen und neuen, meist überaus sinnlichen, persönlichen choreografischen Zugängen zu schaffen. Dass es dieses Mal nicht funktioniert, hat seine Gründe unter anderem im Fehlen eines wirklich multiperspektivischen Zugangs. So bleibt "Joy 2022" ein liebevoller Aufruf, dem es jedoch an der Schärfe und Dringlichkeit des versprochenen Manifests gegen das "Erstarken rechtspopulistischer und reaktionärer Haltungen" fehlt.