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Privatsphäre

Zukunftsvisionen bei den Festwochen

Im Museumsquartier wurde Philip Glass’ "Einstein on the Beach" geboten - rätselhaft, aber auch höchst spannend.

von Moritz Roniger

"If something is boring after two minutes, try it for four. If still boring, try it for eight, sixteen, thirty-two and so on. Eventually one discovers it’s not boring, but very interesting." Das formulierte dereinst Philip Glass. Dass dies auch auf seine Oper "Einstein on the Beach" zutrifft, die dreieinhalb Stunden dauert und weder über eine klare Handlung noch über einen Text im engeren Sinne verfügt, wurde bei den Wiener Festwochen in Kooperation mit dem Theater Basel und den Berliner Festspielen eindrucksvoll bewiesen.

Susanne Kennedy und Markus Selg konzipierten keine klassische Vorstellung mit Bühne, Graben und Zuschauerraum, sondern hoben jegliche Grenzen auf und kreierten eine, wie es im Programmheft hieß, "begehbare Installation". Das Publikum war dazu aufgerufen, sich frei im gesamten Raum zu bewegen und sich auch rund um die Musiker sowie auf der zentralen Drehbühne niederzulassen. Mit Fortdauer des Abends wurde diese Möglichkeit auch immer zahlreicher wahrgenommen, gegen Ende waren die Ränge nur mehr spärlich besetzt, die Bühne dafür voll.

"Einstein on the Beach" ist kein Werk, das dem Publikum eine Geschichte erzählt. Vielmehr wird die eigene Fantasie angeregt, freie Assoziationen zu bilden. Das Regieduo präsentierte als Vorschlag dafür eine an Science Fiction erinnernde Vision einer zukünftigen Zivilisation, gleichzeitig archaisch und hochtechnologisch: "Avatar 2" und weitere Sequels lassen grüßen. Auf der Bühne eine Landschaft mit ein paar Felsen samt Höhle und Feuer davor, einem Tempel mit Stierfigur sowie einem zerbrochenen Portal in eine andere Dimension. Rundherum auf großen Flächen Projektionen von abstrakten Mustern. Waren dies Nahaufnahmen des Planeten, auf dem sich alles abspielt? Zu sehen sind Naturszenen, Bäume im Wandel der Jahreszeiten. Die Bewohner des Ortes waren in bunte Gewänder gekleidet, sie schienen ein Hightech-Zeitalter erreicht zu haben. Sie hatten Lichter auf ihren Kopf geschnallt und Lautsprecher um ihren Nacken. Kamen jene Textfetzen, die in ständiger Wiederholung durch den Raum schallten, aus dem Mund dieser Wesen -oder bewegten sie ihre Lippen nur dazu? Eine gewisse Unschärfe sollte offenbar bleiben.

Sinnlose Silben, packend dargeboten

Philip Glass’ Minimalismus, teils von betörender Schönheit, wurde musikalisch toll umgesetzt vom Ensemble Phoenix Basel und den Basler Madrigalisten. Eine Meisterleistung, dreieinhalb Stunden auf der Bühne und im kleinen Graben zu stehen und die sich immer wiederholenden, nur minimal verändernden musikalischen Patterns so packend darzubieten. Noch dazu, wo Chor und Solisten nichts Sinnhaftes, sondern einzig Zahlen und Tonsilben zu singen haben. Äußerst ergreifend und intensiv artikulierend auch Diamanda Dramm, die als Sologeigerin auf der Bühne agierte und die letzte sichtbare Verbindung zu Einstein, dem bekannten Hobbygeiger, darstellte.

Worum es nun eigentlich ging? Das Publikum war nach drei Stunden nicht viel schlauer als jene Ziege, die bisweilen an der Leine über die Bühne geführt wurde. Doch ganz zu Ende stellte die omnipräsente Stimme aus dem Lautsprecher noch einmal dieselbe Frage wie zu Beginn, nämlich welche Geschichte wir hier hören werden. Und sie gab diesmal auch gleich die Antwort dazu. "It is the old, old story of love."

Und die war keine Minute langweilig.



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