Zwei Jahre nichts oder nur mit Einschränkung – versteht sich. Stichwort: Pandemie. 

Umso größer die Freude heuer – und wenn man den Wetter-Apps glauben darf, wird sich zu Beginn auch das Spätnachmittags-Gewitter wieder gelegt haben. 

Also: Sommernachtskonzert 2022 in Schönbrunn, und mit etwas Wetterglück findet es wirklich so statt, wie schon lange nicht mehr, ohne Einschränkungen vor Publikum. Wer mag, kann kommen und, so er nicht Karten für den VIP-Bereich hat, auf den Wiesen lagern, in den Sternenhimmel schauen und die Klänge der Wiener Philharmoniker hören.  

Solist Gautier Capucon während der Generalprobe des Sommernachtskonzerts. 
- © APA/TOBIAS STEINMAURER

Solist Gautier Capucon während der Generalprobe des Sommernachtskonzerts.

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Und das in der besten Wiener Sommernachtskonzert-Tradition. Soll heißen: Ein prominenter Dirigent und ein prominenter Solisten spielen Meisterwerke der etwas leichteren Klassik. 

Dirigent ist heuer der Lette Andris Nelsons, seines Zeichens  Chefdirigent des Leipziger Gewandhausorchesters und des Boston Symphony Orchestre. Solist ist der französische Cellist Gautier Capuçon, der als einer der wenigen international tätigen Stars seines Fachs gilt. 

 

Friedensreise durch Europa

 

Ihm ist wohl auch ein Programmhöhepunkt zu verdanken, nämlich das Erste Cellokonzert von Camille Saint-Saëns, der im deutschsprachigen Raum gerade einmal mit dem "Karneval der Tiere" einen festen Platz im Repertoire einnimmt: Leichte melodische Erfindung, pikante Harmonie und glänzende Instrumentierung machen das abenteuerlich virtuose Werk zu einem der dankbarsten seines Genres. 

Dirigent Andris Nelsons während der Generalprobe. 
- © APA/TOBIAS STEINMAURER

Dirigent Andris Nelsons während der Generalprobe.

- © APA/TOBIAS STEINMAURER

Das restliche Programm bietet Beschwingtes und Applaustreibendes und ist der Idee einer großen europäischen Verbrüderung verhaftet: Zwei Mal ist Tschechien vertreten, und zwar mit Bedřich Smetanas Ouvertüre zur Oper "Die verkaufte Braut" und mit Antonín Dvořáks zweitem Slawischen Tanz. Von Arturs Maskats stammt der sinfonische Tango, mit dem der 1957 geborene Lette im Jahr 2003 ins Finale der Masterprize International Composing Competition kam.  

Wer könnte Italien mit all dem, was man in Mitteleuropa als italienisch empfindet, besser vertreten als Gioachino Rossini? – Die Ouvertüre zu seiner Oper "La gazza ladra" ("Die diebische Elster") ist ein brillantes Orchesterstück von unmittelbarer Wirkung.  

Seltener gespielt wird heutzutage die erste "Rumänische Rhapsodie", das Opus 1 von George Enescu: Der Rumäne verbindet in seine vitalen frühen Werken Folklore mit raffinierter Harmonie. In seiner Heimat gilt er als Nationalkomponist, international sollte er entdeckt werden. Immerhin: Die Wiener Staatsoper spielte seinen "Oedipe", der freilich in einer weit komplexeren Sprache gehalten ist als diese herrlich bunte "Rumänische Rhapsodie". 

Natürlich darf in diesen Zeiten auch ein Komponist aus der Ukraine nicht fehlen: Mykola Lysenko (1842-1912) gilt als erster Nationalkomponist seines Landes. Sein Walzer "Abschied" ist ein melancholisches Stück, das die Balance zwischen Salon und Konzertsaal hält und an Frédéric Chopin ebenso erinnert wie an die Walzer der österreichischen Komponisten, etwa eines Josef Strauß.  

 

Humanistische Botschaft

 

Eröffnet wird das Konzert mit der dritten "Leonoren-Ouvertüre" Ludwig van Beethovens – und auch das mag symbolisch zu verstehen sein, denn wie kaum ein anderer Komponist steht Beethoven für die Ideale von Menschlichkeit und Freiheit, und das sind auch die Themen seiner einzigen Oper, "Fidelio", für die dieses Vorspiel gedacht war. Allerdings erwies es sich als zu lang, zu sehr in sich geschlossen, um diese Funktion zu erfüllen. Doch in Konzerten gehört es zum Standard-Repertoire.  

Leuchten und Strahlen: Blick auf die Bühne der Wiener Philharmoniker.  
- © APA/TOBIAS STEINMAURER

Leuchten und Strahlen: Blick auf die Bühne der Wiener Philharmoniker. 

- © APA/TOBIAS STEINMAURER

Und so ist dieses Sommernachtskonzert mehr als nur ein Konzert: Es ist eine humanistische Botschaft für ein friedliches Zusammenleben in Europa. 

Dass man als Besucher auch einfach nur in der Wiese liegen, Schloss Schönbrunn vor Augen und vielleicht auch den Sternenhimmel, und den Klängen der Wiener Philharmoniker lauschen kann, versteht sich von selbst. 

So könnte ein kleines Stück Seligkeit ausschauen.