Was passiert mit einem Reich, wenn sich ein Imperator dazu entschließt, die Macht abzugeben? Also zurücktritt. Nach Jahrzehnten meint, es sei nun genug. Wohl wahr: Der Imperator von dem hier die Rede ist, wird 2023 bereits 84 Jahre alt sein. Und es ist ein Ballettimperium, kein geografisches. Auch ist nicht von einer wohlverdienten Pension die Rede, sondern John Neumeier will dann als freier Choreograf weiterhin arbeiten. Nach 50 Jahren Leitung des Hamburg Balletts. Doch wer ist eigentlich John Neumeier, dass sein Rückzug eine ernsthafte Bedrohung für sein weltweit renommiertes Hamburg Ballett sein könnte? Ja, sogar für die Tanzszene in ganz Deutschland, die der Ehrenbürger der Stadt Hamburg maßgeblich prägt.

Bald 50-jährige Ära

1973 hatte August Everding, der damalige Intendant an die Hamburgischen Staatsoper, den gebürtigen US-Amerikaner an die Elbe geholt. Ob Gustav von Aschenbach aus "Tod in Venedig", der dänische Dichter Hans Christian Andersen in "Die kleine Meerjungfrau" oder Tanzgenie Waslaw Nijinsky: Bis heute widmete Neumeier zahlreichen Künstlerseelen eine seiner mehr als 170 Choreografien, die den künstlerischen Lebenslauf mit dem zeitgenössischen Handlungsballett verbinden. Der Schöpfer dieser Ballette ist selbst ein Ausnahmekünstler, der das Hamburg Ballett in seiner bald 50-jährigen Ära zu Weltruhm führte: Neumeier ist wohl der zurzeit dienstälteste Ballettchef der Welt - zumindest noch bis 2023.

Neben seinen vertanzten Künstlerbiografien kreierte er auch Choreografien zu geistlichen Werke wie Bachs "Matthäus-Passion" oder Mozarts "Requiem". Selbst Corona konnte ihn nicht stoppen: So entstand etwa "Ghost Light" unter den schwierigen Arbeitsbedingungen. "Ich bin zu sehr ein ,Macher‘", sagte er zur "Wiener Zeitung".

Ausschnitt aus "Ghost Light" mit David Rodriguez, Matias Oberlin, Silvia Azzoni und Alexandre Riabko. - © Kiran West
Ausschnitt aus "Ghost Light" mit David Rodriguez, Matias Oberlin, Silvia Azzoni und Alexandre Riabko. - © Kiran West

Doch liegt Neumeiers künstlerischer Verdienst nicht ausschließlich in seiner Tätigkeit als Choreograf: Nach dem Start der Ballettschule 1978 wurde 1989 das Ballettzentrum John Neumeier in Fritz Schumachers denkmalgeschütztem Gebäude eröffnet. Hier findet das Ballett mitsamt Schule eine Ausbildungs- und Probenstätte unter einem Dach. Ein hehres Ziel für einige Kompagnien und ihre Schulen. 2006 gründet Neumeier dann die nach ihm benannte Stiftung, 2011 das Bundesjugendballett.

Training in der Ballettschule im "Ballettzentrum Hamburg - John Neumeier". - © Kiran West
Training in der Ballettschule im "Ballettzentrum Hamburg - John Neumeier". - © Kiran West

Und dann gibt es noch seine Ballett-Sammlung, die aus Gemälden, Zeichnungen, Fotografien, Skulpturen und Gebrauchsgegenständen sowie dem Verzeichnis zum Gesamtwerk seiner mehr als 170 Ballette besteht - allesamt wertvolle kulturgeschichtliche und tanzhistorische Zeugnisse. Erst kürzlich sicherte man sich "den unermesslichen Schatz seines (Anm. John Neumeiers) Gesamtwerkes und seiner bedeutenden Ballettsammlung für Hamburg", sagte Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD) bei der Präsentation der künftigen Location. Immerhin lässt sich die Stadt Hamburg den Kauf, die Sanierung und den Umbau der Immobilie 15 Millionen Euro kosten.

Die Stiftung John Neumeier wird auch weiterhin die Sammlung betreuen, die wertvolle kulturgeschichtliche und tanzhistorische Zeugnisse beinhaltet. - © Kiran West
Die Stiftung John Neumeier wird auch weiterhin die Sammlung betreuen, die wertvolle kulturgeschichtliche und tanzhistorische Zeugnisse beinhaltet. - © Kiran West

Einige Spekulationen

Wie wird es aber ab 2023 mit diesem Ballettimperium weitergehen? Diese Frage wird sich Carsten Brosda, der auch Präsident des Deutschen Bühnenvereins ist, wohl schon länger stellen. Immerhin handelt es sich um die wichtigste Entscheidung in der deutschen Tanzszene. "Wenn meine Ballette in Hamburg bleiben und als Tradition der Stadt Bestand haben sollen - wie die Marius-Petipa-Tradition in St. Petersburg oder die George-Balanchine-Tradition am New York City Ballet -, dann muss mein Nachfolger diese Tradition verstehen und in der Lage sein, sie zu pflegen", sagte Neumeier 2017 in einem Interview. Damals war für Neumeier der gebürtige Amerikaner Lloyd Riggins, langjähriger Solist und seit 2015 sein Stellvertreter, der beste Kandidat. Auch wird spekuliert, dass Neumeiers langjährige Muse Gigi Hyatt, derzeit Leiterin seiner Ballettakademie, die DNA des Hamburg Balletts und jene von Neumeiers choreografischer Handschrift im Blut hätte. Fast vergleichbar mit Marcia Haydée, die als Tänzerin bei John Cranko nach seinem plötzlichen Tod 1973 das richtige Händchen für das Stuttgarter Ballett bewies.

Szene aus John Neumeiers Ballett "Beethoven-Projekt II" mit (v. l.) Matias Oberlin und David Rodriguez, Patricia Friza, Nicolas Gläsmann und Madoka Sugai, Jacopo Bellussi und Aleix Martínez. - © Kiran West
Szene aus John Neumeiers Ballett "Beethoven-Projekt II" mit (v. l.) Matias Oberlin und David Rodriguez, Patricia Friza, Nicolas Gläsmann und Madoka Sugai, Jacopo Bellussi und Aleix Martínez. - © Kiran West

Und es gibt noch Spekulationen über den Choreografen Christopher Wheeldon: Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass seine Shakespeare-Adaption "The Winter’s Tale" am Sonntag, 19. Juni, im Rahmen der diesjährigen 47. Hamburger Ballett-Tage (bis 3. Juli) Premiere feiert? Wheeldons choreografische Ästhetik würde Neumeiers Handschrift nicht demontieren.

Fakt ist jedoch, dass die Kompagnie künftig nicht auf ihrem derzeitigen Stand verharren und zu einem Museum für Neumeiers Kreationen werden sollte. Vielmehr wünscht man dem Hamburg Ballett eine zweite Marcia Haydée.

Ein Ballettfest zum Abschied

Zuvor wird aber Neumeiers Abschied in seiner letzten Saison 2022/23 kräftig gefeiert: Bei den 48. Hamburger Ballett-Tagen vom 11. Juni bis zum 9. Juli 2023 werden seine wichtigsten Werke zu sehen sein, darunter "Romeo und Julia", "Illusionen - wie Schwanensee", "Nijinsky", sowie ein neues Ballett "Dona Nobis Pacem" mit Musik von Johann Sebastian Bach. Eingeladen zu dem Ballettfestival wurden auch drei Gastkompagnien, die eng mit Neumeiers Wirken verbunden sind. Bis dahin wird die Nachfolge zu klären sein. Brosda muss jemanden finden, der bereit ist, sich den Neumeier-Fans und wohl der gesamten internationalen Ballettwelt zu stellen.