Dies ist in der Tat ein aufsehenerregendes Verfahren", so eröffnet Anklägerin Jana Adamic, verkörpert von einer Performerin, das Verfahren zur Geschäftszahl C-206/21, in dem die Republik Österreich wegen Verletzungen des Asylrechts angeklagt wird.

Das Theaterprojekt "Asyl Tribunal - Klage gegen die Republik" beginnt mit ihrem 15-minütigen Plädoyer, in dem Adamic das heimische Asylsystem analysiert und feststellt, "dass an zu vielen Stellen zu vieles nicht passt und damit insgesamt nicht mehr sichergestellt scheint, dass in Österreich ein Recht auf Asyl wirklich gewährleistet ist."

Der öffentliche Gerichtsprozess wird vom Theaterkollektiv Hybrid am Judenplatz im ersten Wiener Gemeindebezirk inszeniert. Vier Richterinnen, dargestellt von Menschenrechtsaktivistinnen wie der Publizistin Amani Abuzahraund und Schauspielerinnen, sitzen mit dem Rücken zum Holocaust-Mahnmal, vis-a-vis nehmen Anklage und Verteidigung Platz. An den beiden Längsseiten sitzt das Publikum, um dem Verfahren bei freiem Eintritt beizuwohnen, auch Okto.tv zeichnet jede Sitzung auf, man kann die Sendungen live oder in der Mediathek ansehen, außerdem wird jede Vorstellung in arabischer Sprache und in Farsi simultanübersetzt.

"Wir setzen alles daran, um wirklich jeden zu erreichen, schließlich geht das Thema uns alle an. Unser Projekt gehört eigentlich auch ans Burgtheater", sagt Regisseur Alireza Daryanavard nach der Generalprobe zur "Wiener Zeitung". "Das Asylsystem benötigt dringend eine Reform, solange das nicht passiert, kommt es tagtäglich zu menschlichen Katastrophen. Da dürfen wir nicht einfach wegsehen." Der Theatermacher weiß, wovon er spricht. Daryanavard kommt aus dem Iran, als es ihm in seiner Heimatstadt Bushehr nicht mehr erlaubt war, als Schauspieler tätig zu sein, ging er zunächst in den Untergrund, als die Situation lebensgefährlich wurde, begann seine Flucht, die ihn 2014 zufällig nach Österreich führte. "Es war unglaublich hart, dabei hatte ich noch wahnsinniges Glück", sagt Daryanavard. "Mein Asylverfahren dauerte nur ein Jahr, viele sind dazu verdammt, mehrere Jahre sinn- und nutzlos in Asylheimen abzusitzen."

Falsche Ziffer

Seine neue künstlerische Heimat wurde das Werk X am Petersplatz, wo er 2018/19 erstmals auftrat und im Monolog "Ein Staatenloser" von seinen Migrationserfahrungen berichtete, für "Blutiger Sommer" (2020/21) erhielt er eine Nestroy-Nominierung. Bei "Asyl Tribunal" arbeitete der Theatermacher nun eng mit NGOs wie SOS Mitmensch zusammen und holte sich bei Ronald Frühwirth Rechtsberatung, um dem inszenierten Verfahren eine juristisch korrekte Anmutung zu verleihen. Gemeinsam setzte das Team unter #aufstehn auch eine Petition auf, die online unterzeichnet werden kann.

Das Theaterprojekt "Asyl Tribunal" beruht auf wahren Begebenheiten. An jedem Gerichtstag wird symbolisch ein anderer Sachverhalt verhandelt. Tag eins (20. Juni) zeigte anhand konkreter Beispiele, was alles bei der Erstbefragung durch die Polizei schieflaufen kann. Ein iranischer Flüchtling berichtet, dass er nur wegen einer falschen Ziffer einen Negativ-Bescheid bekam: "In meiner Erstbefragung stand, mein Vater starb 2000. Er starb aber im Jahr 2009. So sagte ich es auch. Ich hab keine Ahnung mehr, weshalb da im ersten Protokoll 2000 steht. Vielleicht hab ich mich versprochen, vielleicht hat es der Dolmetscher falsch verstanden. Vielleicht hat sich der Polizist vertippt. Ich konnte es nicht erklären. Deshalb glaubte mir die Richterin meine ganze Geschichte nicht mehr. Wegen dieser einen Zahl!"

Heute, Mittwoch, geht es um Familienzusammenführungen. Tag drei (Donnerstag, 23. Juni) setzt sich mit der Ukraine auseinander, am Freitag werden Missstände in Behörden untersucht und am letzten Tag (Samstag, 25. Juni), wird nach den Schlussplädoyers das Urteil verkündet. "Das Ergebnis werden wir der heimischen Politik und der EU-Kommission präsentieren", sagt Daryanavard. "Das Theater ist nicht nur dazu da, privilegierte Leute gut zu unterhalten, sondern um sich mit politisch relevanten Themen unserer Gesellschaft zu beschäftigen. Für mich ist Theater ein Mittel, um die Welt zu verändern."