Richard Strauss hat die Reize der Nostalgie nicht nur vor den Karren seines "Rosenkavaliers" gespannt: Auch "Capriccio", sein Opernletztling von 1942, strotzt vor Vergangenheitsseligkeit. Dass sich damit kein vergleichbarer Erfolg einstellte, hat Gründe: Den zweieinhalb Bühnenstunden ohne Pause fehlt es nicht nur an Melodien (abgesehen von der "Mondscheinmusik"), sondern auch an einer handfesten Handlung. "Capriccio" ist eher Spielerei als Spiel, und, so könnte man wohl auch sagen, die Musik gewordene Weltflucht seines Komponisten: Während Nazi-Deutschland Europa terrrorisierte, träumte sich Strauss in eine Welt von Gestern, eine Welt, in der Künstler und adelige Schöngeister der Hochkultur frönten und sich nur angesichts der Frage befehdeten, ob in der Kunsthierarchie dem Wort oder der Musik der Vorrang gebühre. Im Zuge dieser Gretchenfrage bietet "Capriccio" zwar so etwas wie Handlung auf: Ein Dichter und ein Komponist umbuhlen eine Gräfin, die den Konflikt zu entscheiden hat; und im Zuge der Erörterungen setzt es, zumindest für Kunsthistoriker, einige Pointen und Bonmots. Im Großen und Ganzen macht "Capriccio" aber den Eindruck einer blaustrümpfigen Spiegelfechterei.

Die Staatsoper hat die Regie von Marco Arturo Marelli reaktiviert, die mit barocken Schauwerten ein Hochamt der Schönheit inszeniert. So schlecht der Abend besucht ist, so gut ist er besetzt: Maria Bengtsson verleiht der Gräfin einen sprudelnden Sopran, Daniel Behle dem Komponisten einen feinschliffigen, gleichwohl temperamentvollen Tenor, Andrè Schuen versteht sich als Dichter auf brünftige Brusttöne, Adrian Eröd brilliert als Luxusbesetzung eines lyrischen und doch lachhaften Grafen. Und Christof Fischesser stellt die Figur des Theaterdirektors La Roche, trotz kleiner vokaler Defizite, als leutselige Saftgestalt auf die Bühne.

Musikdirektor Philippe Jordan versucht das Hausorchester zu einem differenzierten, drahtigen Spiel anzuspornen, muss dabei einige Spannungsdurchhänger hinnehmen, realisiert letztlich aber einen soliden Abend.