Hat der große Theaterdichter Molière seine eigene Tochter geheiratet? Das Gerücht ist historisch verbürgt, also wenn man so etwas so formulieren kann. Das fragt sich auch Molières Chronist Lagrange einige Male im Stück "Molière oder die Heiligenscheine der Scheinheiligen", das Michail Bulgakow rund um diese Hypothese geschrieben hat. Am Donnerstag hatte es Premiere bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf, in der Regie von Intendant Michael Sturminger.

Bulgakow verschränkt in dem Drama die tatsächlichen Zensurschwierigkeiten, die Molière mit "Tartuffe" erlebte, und eine mythologisierende Intrige, die ihn fatal zu Fall bringt: Der Theatermacher heiratet Armande, die Schwester seiner früheren Gespielin Madeleine Bejart - ohne zu wissen, dass sie nicht deren Schwester, sondern ihre Tochter ist. Und somit auch möglicherweise sein eigener Nachwuchs. Das Geheimnis ist an sich wohlgehütet von Madeleine und Lagrange, aber ihr Gespräch wird belauscht: vom in einem Cembalo versteckten Burschen namens Zacharie Moyron, der von Molière adoptiert wird, elf Jahre später mit seiner Adoptivmutter Armande rummacht, daraufhin von Molière verjagt wird und an delikater Stelle - nämlich vor dem Erzbischof - ausplaudert, was er im Cembalo mitgehört hat. Das kostet Molière die wertvolle Gunst des (Sonnen-)Königs - und schließlich das Leben. Er stirbt bei einer Vorstellung des "Eingebildeten Kranken".

Da ist ja so ziemlich alles dabei, was ein spannender Theaterabend braucht, es würde gar für eine Netflixserie reichen: eine bekannte Persönlichkeit, eine Intrige, Sex, Crime, Religionskritik. Allein, in Perchtoldsdorf will diese Geschichte nicht abheben, zu behäbig schleppt sich die Inszenierung durch die Szenen, musikalisch begleitet von barocken und sakralen Klängen, arrangiert von Michael Pogo Kreiner, gespielt von Musikern im hier bereits traditionellen Unterhosen-Negligee-Styling.

Sturminger setzt auf ein paar klamaukige Typen, wie den Piraten-Musketier mit der Augenklappe, der spricht wie der gestiefelte Kater aus "Shrek" (Emanuel Fellmer), oder den im breiten Meidliner-L-Wienerisch sprechenden "Gerechten Schuster" (Nikolaus Barton). Wojo van Brouwer ist als ein Molière, der mit Teddybärentapsigkeit ins moralische Dilemma stolpert, gewinnend, man nimmt ihm auch ab, dass ihm das Herz buchstäblich bricht, nachdem ihm Liebe und Karriere abhandengekommen sind. Michou Friesz brilliert als modern agierender Ludwig XIV. In den Palastszenen gelingt es, die zeittypische Manieriertheit mit wenigen Handgriffen der Schauspieler und geschickt eingesetztem Bühnenmaterial zu übersetzen. Das ist aber auch das Problem: Bei dieser Inszenierung wird man das Gefühl nicht los, dass die Details wichtiger waren als die große Geschichte. Jede Szene wird ausgewalzt, um irgendeinen (vielleicht witzigen, vielleicht akrobatischen) Effekt unterzubringen, anstatt sich um eine stringente Erzählung mit etwas Tempo zu bemühen. Schade, als Abschiedsvorstellung des Intendanten hätte man sich mehr Dynamik gewünscht.