Die Zeiten sind nicht rosig für Veranstalter, und doch ereignet sich im Wiener Umland eine wundersame Programmvermehrung: Der Kultur.Sommer.Semmering ist aus dem Südbahnhotel ausgezogen und ins Panhans, die zweite legendäre Unterkunft aus den goldenen Sommerfrischezeiten, übersiedelt. Das Südbahnhotel wiederum hebt heuer seine eigene Veranstaltungsreihe aus der Taufe. Neo-Besitzer Christian Zeller hat seine Ambitionen bekräftigt, den Prachtbau ganzjährig mit Kultur bespielen zu wollen; eröffnet wird am 16. Juli mit einem Stationentheater unter der Mitwirkung von Philipp Hochmair, am Wochenende darauf beehrt der Jazzpianist Monty Alexander den Semmering.

Kampf gegen Abwärtsspirale

Warum das Südbahnhotel seinen bisherigen Veranstalter vor die Tür gesetzt hat, wird in der Szene verschiedentlich erklärt. Florian Krumpöck, Leiter des Kultur.Sommer.Semmering, hat mit der veränderten Situation jedenfalls zu leben gelernt und am neuen Ort schon eine Novität und einen gewissen Stolz entwickelt: Er wird nicht nur den Festsaal des Panhans bespielen, das seit Jahren von ukrainischen Investoren saniert wird, sondern auch einen mobilen Pavillon vor dem Hotel. Dieser Neubau ist klimatisiert, bietet 380 Menschen Platz und einen Ausblick auf das Bergpanorama.

Intendant und Pianist Florian Krumpöck. - © Pilvax
Intendant und Pianist Florian Krumpöck. - © Pilvax

Rund 100 Termine veranstaltet das Festival vom 8. Juli bis zum 4. September, darunter drei Auftritte von Klaus Maria Brandauer, eine "Indien"-Lesung mit Josef Hader und Alfred Dorfer, einen Abend mit dem "amtierenden" Jedermanns Lars Eidinger, dazu Gastspiele von Schauspielern wie Adele Neuhauser, Cornelius Obonya und Robert Meyer und von Musikern wie Thomas Gansch, Michael Schade und Ernst Molden.

Fürchtet Intendant Krumpöck die neue Konkurrenz am Berg oder den Publikumsschwund im Allgemeinen, der momentan die Theater heimsucht? Beides nicht: "Ich sehe, dass unser Kartenverkauf trotz der angespannten Situation gut läuft und sich mindestens auf dem Niveau vom Vorjahr bewegt." Der derzeit grassierende Publikumsflucht macht Krumpöck dennoch Sorgen. "Ich bemerke das auch als Pianist, es ist mittlerweile ein internationales Problem." Einige Länder seien davon zwar anscheinend ausgenommen, "aber in Deutschland ist es eine Katastrophe, in Österreich teilweise auch", sagt Krumpöck. Er hält diese "Abwärtsspirale" für eine Folge der Lockdowns: Die Schließungen hätten das Publikum zu einer Stilllegung der Abos bewogen; als Einzelkartenkäufer seien die Menschen nun selektiver. Krumpöck, ein notorischer Lockdown-Gegner, war im Vorjahr mit einer einschlägigen Klage beim Verfassungsgericht gescheitert. Heuer versucht er es ein zweites Mal beim Höchstgericht und erwägt außerdem, vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu ziehen.

Andererseits: Machen ihm die jetzigen Corona-Zahlen keine Sorgen? Dass sich Besucher fürchten, Künstler erkranken? Krumpöck: "Wir haben das Festival auch 2020 veranstaltet und von einer Angst des Publikums nie etwas bemerkt." Natürlich sei es denkbar, dass der eine oder andere gebuchte Künstler dieser Tage erkrankt. Das Verlustrisiko halte sich aber vergleichsweise in Grenzen: Krumpöcks Kultursommer besteht weitgehend aus klein besetzten Abenden ohne Wiederholungstermine - im Gegensatz etwa zu den Festspielen Reichenau mit ihren langen Spielserien. Krumpöck bleibt dabei: "Es wäre fatal, wenn Corona-Maßnahmen kämen. Da klopf’ ich auf alles Holz der Welt."