Der englische Regisseur, Essayist und Theaterautor Peter Brook ist am 2. Juli im Alter von 97 Jahren in Paris gestorben. Brook galt als einer der prägenden Regisseure, dessen Ideen eine Revolution für das britische Theater bedeuteten.

Shakespeare – aber nicht nur Shakespeare. Vor allem aber Shakespeare: Mit seinen Shakespeare-Inszenierungen hat der am 21. März 1925 in London als Sohn jüdischer Einwanderer aus Lettland geborene Peter Brook Furore gemacht. Er war schon als Schüler vom Theater wie besessen. Ab 1945 hatte er erste Engagements als Regisseur: Birmingham, London und, Zufall oder Zeichen, Stratford-upon-Avon, die Geburtsstadt des Autors, für den er seinen Theaterstil erfand.

Ein neuer Stil

Neu war er in Großbritannien und alt zugleich: Brook inszenierte auf leerer oder fast leerer Bühne. Das war ein Rückgriff auf die Zeit Shakespeares. Und er gab seinen Schauspielerinnen und Schauspielern Anweisungen. Die britische Tradition handhabte es anders herum: Die Bühne war naturalistisch ausgestattet, der Regisseur arrangierte die Szenen und vertraute für den Rest auf die Schauspieler.

Doch es steckte hinter Brooks Ideen aber mehr als ein Experiment mit Darstellungsformen. Seine Überlegungen waren Theaterphilosophie. Er legte sie dar im langen Essay "Der leere Raum", der für Generationen von Regisseuren prägend war, prägend ist und mit Sicherheit prägend bleiben wird.

Brook definierte das konventionelle Theater als "tödlich", das an Ritualen festhaltende Theater als das "heilig", das leicht verständliche, volksnahe Theater als "derb" und das von ihm favorisierte Theater als "unmittelbar": "Ich kann jeden leeren Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne nennen. Ein Mann geht durch den Raum, während ihm ein anderer zusieht; das ist alles, was zur Theaterhandlung notwendig ist", schrieb Brook.

Damit rührte er an die Grundfrage des Theaters: Folgt man Brooks Ausführungen, genügt es, damit Theater Theater ist, etwas, egal was, auf eine Bühne zu stellen, wobei es für diese Bühne keines Theaters bedarf, sondern nur eines zur Bühne erklärten Ortes. Ab den 1960er Jahren werden solche Ideen von der Fluxus-Bewegung verfolgt: Kunst ist, was Kunst genannt wird. Der Komponist John Cage verfährt ganz ähnlich wie Brook, wenn er alles, was im Rahmen eines zum Konzert erklärten Ereignisses geschieht, als das Kunstwerk betrachtet.

Peter Brook (l.) probt mit Romane Bohringer  und Ken Higelin William Shakespeares "Der Sturm" beim Internationalen Theaterfest von Avignon (1991). 
- © apa / afp / Georges Gobet

Peter Brook (l.) probt mit Romane Bohringer  und Ken Higelin William Shakespeares "Der Sturm" beim Internationalen Theaterfest von Avignon (1991).

- © apa / afp / Georges Gobet

Doch Brook geht noch weiter: "Der leere Raum", schreibt er, "ist für mich der Punkt oder Ort in einem kreativen Prozess, an dem mir nichts mehr einfällt und sich in meinem Kopf eine absolute Leere ausbreitet. Ich habe keine vorgefertigte Lösung parat und weiß nicht, was ich machen soll. Ich könnte das auch Kontrollverlust nennen."

Die leere Bühne: die Welt

Diesem Kontrollverlust bezeichnet Brook indessen als "Geschenk", das ihm einen völlig neuen Ansatz ermöglicht, die Schaffung etwas Nie-Dagewesenen: "Ich wähle übrigens, wenn möglich, immer die allererste Idee", wobei Fehler möglich sind, allerdings als Bereicherung der Erfahrung verstanden werden. Kategorisch sagt Brook: "Die leere Bühne ist die Welt." Der menschliche Geist setze, so Brook, aus minimalen Hinweisen eine komplette Welt zusammen. Daher stammt seine wiederholte Auseinandersetzung mit Shakespeare und dessen gesprochenen Kulissen: In Dialogen und Monologen wird die Szene hinreichend ausgemalt, sodass es keiner Verdoppelung durch ein Bühnenbild bedarf.

Doch nicht nur Shakespeare packte Brook an: Seine Inszenierungen von Werken Jean Anouilhs, Friedrich Dürrenmatts, Henrik Ibsens und Anton Tschechows zeigten, dass Brooks Überlegungen auf andersgeartetes Theater anwendbar sind. Dass sie zu den Dramen Samuel Beckett passen, zu Peter Handke und Peter Weiss, versteht sich indessen von selbst.

Oper und Film

Auch Opern inszenierte Brook – und keineswegs nur solche nach Shakespeare-Stücken. Wolfgang Amadeus Mozarts "Zauberflöte" war darunter, Richard Strauss‘ "Salome", Peter Iljitsch Tschaikowskis "Eugen Onegin" und Modest Mussorgskis (allerdings tatsächlich shakespeare-naher) "Boris Godunow". Dass Brook in seinen Spielfilmen naturalistischer agierte, versteht sich von selbst: Seine bedeutendste Arbeit für das Kino ist wohl "Herr der Fliegen", in der er William Goldings Survival-Alptraum in eine zivilisationspessimistische Parabel übersetzt.

In späteren Jahren faszinierte Brook die "Mahabharata". Er brachte Jean-Claude Carrières Stück nach dem indischen Epos in einer offenen Mine nahe Avignon zur Uraufführung. Die neunstündige Spieldauer adaptierte er für das Fernsehen zu einer Miniserie von sechs Folgen mit insgesamt rund fünfeinhalb Stunden und brachte eine dreistündige Version ins Kino. Auch dabei unterschied Brook zwischen der Aufführung als Theaterstück und der Inszenierung für Fernsehen oder Film, denn, so Brook, der Film sei nämlich darauf angewiesen, Informationen möglichst komplett zu liefern. Doch Theater sei Kino im Kopf.

Und dort sind alle imaginierten Kulissen suggestiver, als sie auf der Bühne sein könnten. Wie deren großer Magier Peter Brook gezeigt hat. Denn er war es, der dem Theater das Theater zurückgegeben hat.