Auch mit der zweiten Produktion unter der neuen künstlerischen Leitung von Maria Happel können die Festspiele Reichenau nicht recht Fahrt aufnehmen. Und das, obwohl ganz auf die Energie der hier spielenden Studierenden des Max Reinhardt Seminars gesetzt wird, mit dem Happel, die die Schule seit 2020 leitet, konsequenterweise kooperiert.

Wedekinds "Frühlings Erwachen", das der Autor, der ab der Jahrhundertwende zu den meistgespielten deutschsprachigen Dramatikern seiner Zeit zählte, bereits 1890 bis 1891 geschrieben und in Ermangelung eines Verlegers schließlich auch selbst als dessen erstes Buch herausgebracht hatte, galt lange Zeit als zu gewagt, zu radikal. Heute ist das erst 1906 in der Regie Max Reinhardts uraufgeführte Stück ein "Theaterklassiker" und erfreut sich nicht zuletzt aufgrund seiner starken Rollen für angehende Bühnengrößen ungebrochener Beliebtheit. Und so liegen auch bei dieser Inszenierung die stärksten Momente nicht bei den älteren Kollegen, denen Stück wie Regie nicht viel mehr als mal mehr, mal weniger dienstbare Nebenrollen bieten, sondern bei den neun Schauspielstudierenden, die ihr Können fast durchwegs geglückt unter Beweis stellen dürfen.

Simon Löcker als Moritz Stiefel. - © Lalo Jodlbauer
Simon Löcker als Moritz Stiefel. - © Lalo Jodlbauer

Vor allem sind es hier Nils Hausotte als Melchior Gabor und Simon Löcker als Moritz Stiefel, die ihre Figuren auf so unterschiedliche wie ebenbürtig starke Weise auszufüllen wissen, ohne sich in ihren Darstellungen allzu vieler Klischees zu bedienen, was den Mädchen und den Erwachsenen kaum gelingt und deutlich der konzeptuell in zu engen Bahnen angesiedelten Inszenierung geschuldet bleibt.

Im Zentrum des zwischen Tragödie und Satire, zwischen Impressionismus, Realismus und Moderne angesiedelten Dramas steht eine Gruppe Adoleszenter auf dem Sprung zum Erwachsenwerden - nicht allen wird dieser gelingen. Weder zu Hause noch in der Schule aufgeklärt, versucht jeder auf seine Weise mit den erwachenden Identitätsproblemen, sexuellen Gefühlen und erotischen Fantasien umzugehen, die eigene Sexualität auszuleben - oder eben zu verdrängen - und brennende Fragen an sich und die nächste Umgebung zu stellen. Doch niemand aus der Welt der Erwachsenen ist gewillt, den waidwunden Jugendlichen die Antworten zu geben, die nötig wären, um den tragischen Verlauf der Ereignisse aufzuhalten. Onanieren mit Postkarte ist da noch der harmloseste Ausweg, Liebesgeständnisse fallen schon schwerer, zumal es für diese noch keine Worte gibt, und so greift der eine zur Pistole und der andere vergreift sich an einem Mädchen, dessen angeordneter Schwangerschaftsabbruch zu deren Tod führt.

Ein Aneinanderreihen

Schauspieler und Autor Christian Berkel, der hier sein Regiedebüt abliefert und auch für die Bearbeitung des Textes verantwortlich zeichnet, setzt in seinen dramaturgischen Überlegungen bei der schnellen, in seiner bemüht musikalischen Interpretation auch mal "poppigen" Szenenabfolge des Originals an - und versetzt den tragischen Reigen in ein "Zirkuszelt", das an drei Seiten von den Publikumsrängen begrenzt wird und an einer den meisten Auf- und Abtritte der Akteure dient, die hie und da auch auf den Stufen zwischen dem Publikum auftauchen. Der Großteil aber ist ein schlichtes Aneinanderreihen der kurzen, impressionistischen Szenen, die Berkel fast durchwegs mit schlichten Blacks strukturiert. Das Problem daran ist, dass "Frühlings Erwachen" weder eine Zirkusnummer noch eine Revue ist, was im zweiten Teil des Abends nur allzu deutlich wird, der gänzlich zerfranst und die Inszenierung ungewollt parodistische Züge annehmen lässt, die der Tragödie alle Kraft rauben.