Mitunter geschieht es, dass ein Text die Gewalt über seinen Autor bekommt und ganz anders wird als beabsichtigt. Die Novelle "Die Legende vom heiligen Trinker" des großen Joseph Roth, die Alexander Waechter geradezu bewunderungswürdig auf die kleine Bühne seines Theater Franzjosefskai21 bringt, dürfte solch ein Fall sein.

Roth, selbst schwer alkoholkrank, wollte zweifellos Mitleid wecken für Andreas, den Clochard, dem auf Schritt und Tritt Gutes widerfährt, und der dennoch ein Sklave seiner Trunksucht bleibt. Als Leser der Novelle mag man das auch durchaus nachzuvollziehen - bis zu dem Moment, in dem Andreas seine wiedergefundene Geliebte Karoline buchstäblich wegwirft, weil sie ihm zu alt geworden ist. An dieser Stelle büßt Andreas jegliche Sympathien ein.

Und dann kommt Alexander Waechter - und alles ist anders. Waechter hat den Text nicht dramatisiert. Er trägt die Novelle vor mit feinen Nuancen des Tonfalls, mit wenigen szenischen Accessoires und kaum Aktion. Es ist eher die Darstellung eines Textes als seine theatralische Umsetzung.

Doch durch seinen Vortrag gelingt es Waechter, Andreas als einen Menschen zu zeigen, der längst zerstört ist, ehe ihm Karoline begegnet. Alle Wunder kommen für ihn zu spät. Nicht mit Abneigung reagiert man, nicht einmal mit Mitleid, sondern, viel besser: mit Verständnis.

Ein hinreißender Abend, an dem Emotionen Achterbahn fahren können, und der noch lange zu denken gibt.