Für die 50-jährige Jubiläumssaison der Schlossspiele Kobersdorf im Burgenland hat Intendant Wolfgang Böck ein ganz besonderes Stück ausgesucht. Ein Stück österreichische Geschichte nämlich: "Der Bockerer", eine tragische Posse, verfasst kurz nach Kriegsende von zwei Juden, dem Schauspieler Peter Preses und dem Schriftsteller Ulrich Becher, basierend auf Anekdoten über einen Fleischhauer Neidinger, die Preses während des Krieges im Schweizer Exil erzählt hatte. Beteiligt an der Entstehung war auch Friedrich Torberg - wie genau, wird im Programmheft ebenso ausführlich geschildert wie die historischen Hintergründe.

Fritz Imhoff, dem ersten Darsteller des naiv-renitenten Wiener Fleischhauers anno 1948, wurde "volkstümliche Komik" attestiert, das Bild vom Karl Bockerer nachhaltig geprägt haben allerdings die Verfilmungen mit Fritz Muliar (1963) und Karl Merkatz (1981). Man kommt nicht umhin, Böck an diesen Vorgängern zu messen - ein Vergleich, dem er locker standhält. Sein Bockerer ist viel grantiger, rüder und auch zynischer als seinerzeit der "gfeanzte" von Merkatz. Wo der "brave Soldat Schwejk", der die Figur mitbeeinflusste, buckelt, da pudelt sich der Bockerer auf.

Verständnislosigkeit und trotzige Auflehnung

Böck folgt dabei unter der Regie von Claus Tröger dem Weg, den Preses einst vorgezeichnet hat: Der Bockerer, der just am selben Tag Geburtstag hat wie der Führer, sich aber weigert, diesen zu feiern, weil sein eigener Geburtstag ignoriert wird, ist ein bürgerlicher Schelm, der sich trotzig gegen die neue Obrigkeit auflehnt. Dabei wird dem Zuseher nicht ganz klar, ob er sich selbst überhaupt seiner Schelmenhaftigkeit bewusst ist. Auch, weil er schlauer sein dürfte, als er selbst zugibt. So wie er auch Sentimentalitäten für sich behält und nach außen hin abstreitet.

Wie hängt man eine Hakenkreuzfahne auf, die man gar nicht aufhängen will? - © picturedesk / Hubert Mican
Wie hängt man eine Hakenkreuzfahne auf, die man gar nicht aufhängen will? - © picturedesk / Hubert Mican

Die Tragweite der politischen Ereignisse ab 1938 wird ihm erst nach und nach bewusst. So ist es für ihn zunächst völlig unbegreiflich, warum der von ihm und vor allem seiner Frau Sabine (Maria Hofstätter) verehrte, weil so gebildete Herr Dr. Rosenblatt (Andy Hallwaxx) plötzlich nicht mehr zum gemeinsamen Tarockieren mit dem Hatzinger (Wolf Bachofner) kommen soll. Und warum ein jüdisches Kind auf einmal nimmer im Stadtpark spielen darf.

Wenn der jüdische Jurist Rosenblatt die Ariernachweise der Bockerers prüft, dann bekommt der Humor dieses Stücks eine ganz eigene Note. Und nur Minuten später zeigt die nächste Szene die Entmenschlichung durch den Nationalsozialismus. Es herrscht Beklemmung auf und vor der Bühne.

Während drinnen im Hause Bockerer ein Generationenkonflikt tobt zwischen SA-Sohn Hans (Markus Freistätter) und dem Vater, der sich als unpolitischer Mensch einfach deshalb gegen die Nazis stellt, weil deren Ideologie seinem gesunden Menschenverstand widerspricht, werden draußen auf der Straße die jüdischen Mitbürger gequält. Dazu passt, dass die Aufführung um 20.30 Uhr in der warmen Abendsonne beginnt und der Himmel in der Folge immer düsterer wird. Kurz vor Mitternacht endet das Spiel dann in kalter Finsternis. Die wandelbare Drehbühne (Erich Uiberlacker) sorgt für Dynamik, eine Szene geht förmlich in die andere über. Das verbindende Element ist dabei ein einsamer Musiker (Christopher Haritzer).

"Ihr Blatt, Herr Rosenblatt." Maria Hofstätter, Wolfgang Böck, Andy Hallwaxx und Wolf Bachofner beim Tarockieren. - © Schloss-Spiele Kobersdorf
"Ihr Blatt, Herr Rosenblatt." Maria Hofstätter, Wolfgang Böck, Andy Hallwaxx und Wolf Bachofner beim Tarockieren. - © Schloss-Spiele Kobersdorf

Die Nazi-Schrecken werden durch Pointen gebrochen

Das gut dreistündige Stück ist eine österreichische Nabelschau, eine erste Aufarbeitung der Nazi-Schrecken, die immer wieder kurz, bevor sie allzu übermächtig werden, durch kleine Pointen gebrochen werden. Man merkt dem Text an, dass Preses bei Karl Farkas groß geworden war. Viel zu lachen gibt es aber nicht, eher treibt es einem die Tränen in die Augen, wenn Freundschaften zerbrechen oder zerstört werden - Bockerers alter Freund Hermann (Gerhard Kasal) wird im KZ ermordet - und es heißt: mitlaufen oder in den Widerstand gehen. Wenn dem jungen Bockerer der Krieg viel zu spät die Augen öffnet. Und wenn der alte Bockerer auf die Frage zurückgeworfen wird: Wie schafft man es, in all dem Grauen ein guter, anständiger Mensch zu bleiben?

Irgendwann hat man eigentlich genug. Nicht, weil das Spiel in Kobersdorf schlecht wäre. Sondern weil es einem in seiner Intensität durch Mark und Bein geht. Und so wartet man sehnsüchtig auf den erlösenden Schlusssatz: "Ihr Blatt, Herr Rosenblatt."