Ein majestätischer Elefant, elegante Giraffen, wilde Antilopen, ein anmutiger Jaguar, furchtsame Zebras und noch viele weitere Tiere schreiten, traben und springen über die Bühne, während der weise Affe Rafiki sein "Nants ingonyama bagithi Baba, Sithi uhm ingonyama" anstimmt. Was so viel heißt wie: "Seht her, ein Löwe kommt, Vater." Wobei das Zulu-Wort "ingonyama" nicht nur mit Löwe übersetzt werden kann, sondern auch mit König. Und schon sind wir bei diesem Eingangslied mittendrin im zentralen Thema jenes Disney-Films, dessen Musical-Adaption vor genau 25 Jahren, 8. Juli 1997, ihre Welturaufführung am Broadway feierte: "Der König der Löwen".

Es ist eine bombastische Produktion und auch noch in anderer Hinsicht ganz besonders, erklären Joachim Benoit und Willi Welp im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Die beiden sind in Hamburg engagiert, wo die deutschsprachige Adaption am 2. Dezember 2001 ihre Premiere feierte. Benoit spielt seit 21 Jahren den armen Rotschnabeltoko Zazu, der vergeblich versucht, den kleinen Simba vor sich selbst zu schützen, während Welp ab 2006 zunächst mehrere Jahre lang als Bösewicht Scar - der König Mufasa umbringt, seinen Sohn Simba verjagt und mit den Hyänen die Macht übernimmt - auf der Bühne stand und seit 2015 Künstlerischer Leiter in Hamburg ist.

Die Guten sind dunkelhäutig, der Bösewicht ist weiß

Die Besonderheit der Produktion liegt nämlich nicht nur in der Anfangsszene, in der echtes Zulu gesungen wird und Rafiki in der afrikanischen Klicksprache eine Geschichte über zwei Brüder erzählt, sondern auch in der Besetzung. Eine klare Vorgabe von Disney bei der Musical-Adaption des Zeichentrickklassikers, der 1994 in die Kinos kam - in dem Jahr, in dem die Apartheid in Südafrika endete -, lautete nämlich: Die Bösen sind weiß und die Guten dunkelhäutig. "Positiven Rassismus" könnte man das nennen. Diese Besetzung war freilich in New York mit afroamerikanischen Darstellern leichter umzusetzen als etwa in Deutschland oder Japan.

"Die People of Colour haben damit auch sich selbst gefeiert", sagt Welp, der "aber auch schon einen schwarzen Scar hatte - und vielleicht habe ich auch irgendwann einmal einen weißen Simba." In Hamburg stehen jedenfalls neben einigen wenigen Deutschen vor allem sehr viele Südafrikaner auf der Bühne - und ein Ire, der in den Tanzszenen durch seine helle Haut heraussticht. In der Filmvorlage von 1994 - und auch in der Neufassung von 2019 - ist es übrigens genau umgekehrt: Simba und die guten Löwen haben ein helles Fell, während der böse Scar dunkler ist. Dafür wurden in der Neuverfilmung von 2019 alle Löwen (auch Scar) von dunkelhäutigen Schauspielern synchronisiert - im Gegensatz zum Original von 1994, wo die meisten weiß waren.

Rafiki singt und spricht echtes Zulu. 
- © Stage Entertainment

Rafiki singt und spricht echtes Zulu.

- © Stage Entertainment

Junger, dynamischer Papa statt schwerfälliger Majestät

Bei Benoit ist die Hautfarbe einerlei. Er hat seit 21 Jahren als Zazu ein blau-weiß geschminktes Gesicht. Aber wird es nicht irgendwann langweilig, ständig dieselbe Rolle zu spielen? "Nein", sagt er. Denn "jeder Abend ist anders, nicht nur, weil man durch die wechselnden Besetzungen jeden Abend neue Mitspieler hat". Und das Ensemble hat beim Ausleben seiner Rollen auch große Freiheiten.

Natürlich sind die Bühnenfiguren vorgegeben, aber wie sie mit Leben gefüllt werden, handhabt jeder etwas anders - und hat sich auch in den vergangenen zwei Jahrzehnten verändert. Simbas Vater Mufasa zum Beispiel war zunächst tatsächlich als Löwenkönig sehr majestätisch und schwerfällig. "Heute ist er eher ein junger, dynamischer Papa", erklärt Welp. Auch der Soundtrack - bei dem man neben Elton John auch Hans Zimmer deutlich heraushört (1995 bekam er dafür den Oscar) - wurde ebenfalls im Laufe der Jahre nachgeschärft. Und man hat sogar ein Lied irgendwann gestrichen, weil es einfach nicht mehr passte. Wer also "König der Löwen" vor zehn Jahren gesehen hat, könnte heute eine ganz andere Vorstellung erleben.

Spannend ist auch das Konzept, das hinter der Löwenmaske von Scar steckt: Die schiebt sich nämlich immer dann vor das Gesicht des Bösewichts, wenn er lügt. Wie der Mechanismus funktioniert? Das verrät Welp nicht. Nur so viel: Die Konstruktion ist mehrere Kilo schwer. Auch sonst verlangt die Produktion den Schauspielern körperlich einiges ab. Schließlich wird nicht nur viel gesungen, sondern auch viel getanzt, und insbesondere Zazu - beziehungsweise sein Darsteller - fällt mehr als einmal auf den Rücken. Und das in bis zu zwei Vorstellungen täglich, Tag für Tag.

"Hier ist die Show der Star, nicht die Darsteller"

Mehr als 430 Shows pro Jahr spielt Benoit und hat in 21 Jahren dutzende, wenn nicht hunderte Simbas durchs Erwachsenwerden begleitet. Die Kinderdarsteller sind nämlich immer nur recht kurz und mit Spielpausen im Einsatz: "Wir haben zwölf junge Simba-Besetzungen", erklärt Welp. Der Grund ist der Jugendschutz. Schließlich kann ein Kind in diesem Alter nicht Abend für Abend auf der Bühne stehen, wenn am nächsten Tag Schule ist. Nach jeweils 25 Vorstellungen werden die Kinder von einem Psychologen untersucht: "Wenn der den Eindruck hat, dass es ihnen gut geht, dürfen sie weiterspielen." Eher früher als später ist aber ohnehin Schluss, weil sie aus der Rolle herausgewachsen sind. Schließlich würde es komisch aussehen, wenn der kleine Simba seinem Vater über den Kopf wachsen würde.

"Wer ein Problem damit hat, zum Beispiel mit Grasbüscheln auf dem Kopf durch die Savanne zu tanzen, ist hier fehl am Platz", sagt Willi Welp. - © Deen van Meer
"Wer ein Problem damit hat, zum Beispiel mit Grasbüscheln auf dem Kopf durch die Savanne zu tanzen, ist hier fehl am Platz", sagt Willi Welp. - © Deen van Meer

Auch bei den erwachsenen Schauspielern gibt es einiges an Fluktuation. Manche hören schon nach ein, zwei Saisonen wieder auf. "Mitunter passt es einfach nicht", meint der Künstlerische Leiter. "Wenn sie nicht verstehen, dass hier die Show der Star ist und nicht die Darsteller, oder ein Problem damit haben, zum Beispiel mit Grasbüscheln auf dem Kopf durch die Savanne zu tanzen, dann sind sie fehl am Platz." Denn die Hamburger Inszenierung enthält viele Details, die mitunter auf den ersten Blick vielleicht etwas befremdlich wirken - aber in der Summe dann für ein beeindruckendes Bühnenerlebnis sorgen. "Unsere Regisseurin Julie Taymor ist auch Bildhauerin und hat den Frida-Kahlo-Film gemacht - das sieht man", stellt Welp fest.

Ein Kompliment für Scar: "Was für ein Arschloch!"

Er selbst erinnert sich gerne an seine langen Jahre als Scar zurück: "Eine tolle Rolle. Böse sind ja ohnehin viel spannender als die Prinzenrollen, die ich davor hatte." Die Kunst liegt freilich darin, diese böse Rolle nicht zu böse zu spielen, weil ja doch Kinder im Publikum sitzen, aber: "Nach einer Vorstellung hat mir ein Kollege, der im Publikum saß, erzählt, dass eine Dame hinter ihm gezischt hat: ‚Was für ein Arschloch!‘ Da wusste ich: Ja, jetzt hast du deine Rolle toll gespielt", meint er schmunzelnd.

Die Show verlangt den Schauspielern auch körperlich einiges ab. - © Johan Persson
Die Show verlangt den Schauspielern auch körperlich einiges ab. - © Johan Persson

Als "Der König der Löwen" vor 21 Jahren in Hamburg andockte, hoffte man auf zwei halbwegs gut verkaufte Saisonen, um die Kosten wieder hereinzubekommen, erinnert sich Benoit. "Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass wir zwei Jahrzehnte hier spielen würden . . ." Gut ein Dutzend "Der König der Löwen"-Shows gibt es inzwischen weltweit (neben New York und Hamburg etwa in Den Haag, Johannesburg, Madrid, Paris, Singapur, Shanghai oder Tokio), aber kaum eine ist technisch so gut ausgestattet wie jene in Hamburg, für die 2001 das größte transportable Zelt Europas errichtet wurde. Hier ist auch genug Platz für eine Drehbühne mit Liften: "Bei uns in Hamburg versinkt Scar im Boden, wenn er gestorben ist - anderswo steht er im Dunkeln auf und geht einfach ab", erzählt Welp. Auch den drehbaren Königsfelsen hat nicht jede Bühne in dieser Form.

"Der König der Löwen" weist übrigens noch eine Besonderheit auf: Es war der erste abendfüllende Zeichentrickfilm, bei dem Disney stolz erklärte, er basiere auf keiner Vorlage wie die 31 Filme davor. Nun, so ganz glauben das Manga-Fans nicht. Denn schon 1965, also drei Jahrzehnte früher, kam als erste japanische Farbserie "Kimba, der weiße Löwe" ins TV. Und nicht nur der Name erinnert frappant an Simba, sondern auch Teile der Handlung: Nach dem Tod seines Vaters kehrt der junge Löwe aus dem Exil (er wurde in Gefangenschaft auf einem Schiff in Richtung Zoo geboren) zurück in seine Heimat, wo der böse Löwe Bubu die Herrschaft an sich gerissen hat und nun von Kimba entmachtet wird. Und ja, auch hier gibt es einen Pavian und Hyänen. Aber natürlich war es nicht so liebevoll gezeichnet wie bei Disney. Und, am wichtigsten: Es fehlen Timon und Pumba - das Erdmännchen und das Warzenschwein, die nicht nur dem Film, sondern auch dem Musical erst die richtige Würze geben.