Sachen gibt’s, die passieren, obwohl sie nicht passieren dürfen. Sachen gibt’s, die passieren, obwohl sie nicht passieren können. Das sind die Unwägbarkeiten des Lebens und des Theaters.

Und dann gibt es den "Tartuffe" im Wiener Lustspielhaus. Er schafft sich eine eigene Kategorie.

Eine schlechte Aufführung? Will Adi Hirschal seinem treuen, am Schluss aber lauwarm applaudierenden Publikum den Abschied vom Lustspielhaus leicht machen? Will er eine gute Begründung liefern, weshalb die Stadt Wien das Unternehmen entschuldet, aber nicht weiter subventioniert und damit sein Ende herbeiführt?

Wellness-Bäder sehen anders aus: Erika Deutinger und Adi Hirschal. - © Sabine Hauswirth
Wellness-Bäder sehen anders aus: Erika Deutinger und Adi Hirschal. - © Sabine Hauswirth

Um es deutlich zu sagen: Gespielt wird in der Regie von Viktoria Schubert glänzend, sofern man diesen outrierten Stil mag. Dieses Grimassenschneiden. Dieses Gestikulieren. Dieses Immer-Zuviel. Dieses verspielte Bühnenbild (Christina Helena Romirer), das mit viel zu vielen Einzelheiten um Aufmerksamkeit heischt. Diese mottenkistigen Kostüme (Maddalena Hirschal).

Das alles ist gewollt. Das war von Anfang an der Stil in Adi Hirschals Wiener Lustspielhaus. Wenn man das mag, einmal im Jahr, wenn draußen die Hitze brütet, als unschuldiges Sommervergnügen nach einem gut gekühlten, schön trockenen Hugo, dann ist nichts, rein gar nichts dagegen einzuwenden. Oder kurz gesagt: Mir g’fallt’s. In der Regel.

Hilf Hugo!

Aber ausgerechnet in dieser letzten Saison spielen Hirschal und sein Ensemble gegen einen Text an, den zehn Hugos, und seien sie noch so trocken und gut gekühlt, nicht verklären können.

Franzobel also hat Molières "Tartuffe" ins angeblich Wienerische gewendet. Das kann man machen. Aber es bedürfte dazu eines Autors vom Format H. C. Artmanns. Eine Dialektübertragung nämlich ist nur sinnvoll, wenn sie einem Werk etwas hinzufügt, einen Tonfall, eine Nuance, ein Spiel mit der Sprachhöhe, eine Facette, die überrascht und erfreut. Nichts davon gönnt Franzobel dem "Tartuffe". Er schreibt nur ein paar Kabarettismen von Maturafeier-Niveau dazu, die auch durch Wiederholung kein Running Gag werden. Lachen beim ersten Mal, Kichern beim zweiten Mal, ja, eh beim dritten Mal.

Vor allem aber hält Franzobel die Sprachhöhe nicht. Geht alles durcheinander: Hochsprache, Schimpferei, Alltagszoten, Saloppheiten, Kaisermühlen Blues und Nestroy-Tonfall, Vorstadtweiber und Feydeau, alles gekünstelt, nichts nachvollziehbar, nie wird klar, wer warum die Sprachhöhe wechselt, dazu endlose Dialoge vor der Pause. Erst nach der Pause wird’s flott.

Das Ensemble tut, was es kann. Hirschal als leichtgläubiger Umbert Unbeleckt weiß, wann es genug ist, und beginnt gerade dort seine Spielfreude. Erika Deutinger als Köchin Milena ist resch und brillant. Martin Bermoser als Tartuffe stemmt sich mit Ausstrahlung gegen den Text, Hemma Clementi als Edmée hat den besten Auftritt des Abends in der bizarren Verführungsszene. Maddalena Hirschal und Thomas Höfner sind ein frisches junges Liebespaar, dem man gerne zuschaut.

Schon lustig, sowieso, man will ja kein Spiellaunenverderber sein.

Die größte Posse ereignet sich im Programmheft: Bürgermeister Michael Ludwig bezeichnet das Lustspielhaus als "Fels in der Brandung". Diesen "Felsen in der Brandung" lässt die Stadt Wien gerade zusammenkrachen. Schade drum, eigentlich.

Aber "Tartuffe" als letztes Stück passt. Schließlich ist es eine Komödie über Heuchelei.