Hier haben es die Männer wirklich nicht leicht: Sie dienen als bequeme Stühle, die "geil machen". Sie dürfen erst auf Anweisung in den Arm einer durchsetzungsstarken Frau beißen, oder werden von einem Bühnenende zum anderen im Rückwärtsschritt per Busserlsalve abgedrängt. Ein anderer Tänzer wiederum, wird mithilfe von Stöckelschuhen entkleidet. Auch gibt es Unterricht im schnellen BH-Öffnen, denn neun Sekunden geht gar nicht: "So lange können wir nicht warten", meint die Performerin und zwinkert ins Publikum.

In "Vollmond" der Tanzlegende Pina Bausch (1940-2009) geht es um Macht, Leidenschaft, Liebe und Selbstfindung. Mit der österreichischen Erstaufführung der bildgewaltigen Liebesgeschichten startete am Donnerstag im Burgtheater die diesjährige Ausgabe des Wiener Impulstanz-Festivals, das bis 7. August andauern wird.

Erst auf Anweisung dürfen sie zubeißen. - © yako.one
Erst auf Anweisung dürfen sie zubeißen. - © yako.one

In Bauschs Ensemble, dem Tanztheater Wuppertal, stellt jeder der zwölf Tänzerinnen und Tänzer eine Figur da, verbindet Sprache, Pantomime aus Alltagsszenen mit Tanz auf unverkennbare Weise und auf höchstem künstlerischen Niveau. So auch in "Vollmond", das wohl eines der bekanntesten Stücke der Choreografin ist, und vermutlich auch jenes, das ihre Kunst am Zenit zeigt. Der Filmemacher Wim Wenders verwendete übrigens zahlreiche Szenen daraus für seine 3-D-Hommage "Pina".

Eine stürmische Nacht

"Es ist Vollmond. Da wird man nicht besoffen", sagt da eine Performerin in einem roten Abendkleid und einem Glas in der Hand zu Beginn des kurzweiligen Stücks. Und fügt hinzu: "Ich glaube, es wird eine stürmische Nacht." Ein Versprechen, das sich zumindest in den folgenden 150 Minuten bewahrheitet: Ein riesiger Felsbrocken, der meist mit warmen Licht beschienen wird, und ein parallel zum Publikum geführter Wassergraben im hinteren Bereich der Bühne werden zum Mittelpunkt zahlreicher beeindruckender Miniszenen in Peter Pabsts Bühnenbild.

Letzte Schlacht

Der Mann als bequemer Stuhl. - © yako.one
Der Mann als bequemer Stuhl. - © yako.one

Pabst lässt viel Raum für die Darsteller und ihre Regentänze: Sie schöpfen das Wasser in Kübeln und schleudern es gegen den Felsen, sie gleiten, robben oder tanzen durch das Wasser, planschen darin herum. Jede Bewegung im Nass zeichnet vor dem dunkeln Hintergrund ästhetische Bilder. Derweilen wird aber auch Wasser aus vollen Mündern gespritzt oder ganze Flaschen in Gläsern geleert, sodass die Performerin pitschnass wird. Das werden übrigens alle an diesem Abend. Mehrmals. Vor allem dann, wenn der Dauerregen einsetzt. Die Wasserspiele enden schließlich in einer erschöpfenden letzten Schlacht.

Anheizend und dann wieder beruhigend untermalt die Musik die Tanzszenen: Stücke von Amon Tobin oder Tom Waits, René Aubry oder The Alexander Balanescu Quartett bieten eine breit gefächerte Mischung für diesen vom trocken gebliebenen Publikum frenetisch mit Standing Ovations gefeierten Abend.

Der einzige Kritikpunkt, den man an diesem Stück aus dem Jahr 2006 finden kann: Homosexualität wird hier nicht berücksichtigt.