Eine Erinnerung an große Salzburger Festspielzeiten bietet das Opernprogramm mit Carl Orffs "De temporum fine comoedia". Damals, bei der Uraufführung 1973, hatte Orff die "Carmina burana"-Zeiten längst hinter sich gelassen. In seinem durch frühchristliche Philosophen untermauerten Endspiel bittet Satan um Verzeihung und Gott vergisst alle Schuld.

Herbert von Karajan dirigierte die Uraufführung, die Vorbereitung lief nicht ohne Zerwürfnisse zwischen dem Komponisten und dem Dirigenten ab. 2022 leitet Teodor Currentzis die Aufführung. Er hat das Werk 2007 in Moskau aufgeführt, die einzige Produktion des komplexen Stücks außerhalb des deutschsprachigen Raums. Bei den diesjährigen Salzburger Festspielen wird das rund einstündige Werk kombiniert mit Béla Bartóks Zwei-Personen-Psychothriller "Herzog Blaubarts Burg", beide Werke inszeniert Romeo Castellucci. Ist der Rückgriff auf eine der legendären Salzburger Uraufführungen so verständlich wie willkommen, so erschließt sich der Sinn des Spielplans nicht unbedingt: Wolfgang Rihms subtile Kammeroper "Jakob Lenz" etwa, wohl eine Geburtstagsgabe zum 70., ist als einmalige konzertante Aufführung verschenkt.

Verspielter Rossini

Ob Gioachino Rossinis "Il barbiere di Siviglia" wirklich Salzburger Festspielbedingungen braucht, scheint höchst fraglich - es ist halt eine Übernahme von den Pfingstfestspielen, inszeniert vom Publikumsliebling Rolando Villazón, der dem Stück Dracula, Gummiente und seine eigene Quirligkeit verordnet hat. "Ein verspielter Abend im doppelten Sinn", konstatierte die "Wiener Zeitung". Immerhin: Ausverkauft.

Anders steht es um "Kát’a Kabanová" von Leoš Janáček. Das ist zwar ein ganz und gar festspielwürdiges Werk - nur: Das Publikum mag es nicht. Das war schon 1998 so, als Christoph Marthaler inszenierte. Jetzt ist es Barrie Kosky - und mit Stand heute ist selbst die Premiere am 7. August nicht ausverkauft. Liegt es daran, dass in der Besetzung die Festspiel-Superstars fehlen? Oder haftet dem knapp 101 Jahre alten Werk immer noch das Odium an, es sei schwer verständliche "Neue Musik"? Man wird nicht recht schlau daraus.

Seit Herbert von Karajans Zeiten hat die italienische Oper ein festes Standbein auch als Sommerfestspiel-Premiere. Dennoch führt es immer wieder zur naserümpfenden Grundsatzfrage: Sollen die außerordentlichen Produktionsbedingungen von Festspielen wirklich dazu dienen, Werke aufzuführen, die längst weltweit im Repertoire jedes Opernhauses sind?

Immerhin mag man im speziellen Fall argumentieren, dass Giacomo Puccinis spätes "Il trittico", bestehend aus drei Einaktern, dem düsteren "Mantel", der seraphischen "Schwester Angelica" und der grandiosen Farce "Gianni Schicchi", selten komplett gezeigt wird. In der Regel spielt man entweder nur den "Mantel" oder "Gianni Schicchi" in Kombination mit einem Einakter eines anderen Komponisten, oder man kombiniert die Tragödie und die Komödie und lässt das lyrische Intermezzo der "Angelica" weg. Dirigent Franz Welser-Möst und Regisseur Christof Loy präsentieren die drei Werke in der vom Komponisten gewünschten Gestalt, die unter normalen Repertoirebedingungen eine gewisse Herausforderung darstellt. Die gefeierte Salzburger Salome Asmik Grigorian ist in drei Frauenhauptrollen zu erleben - was diese Produktion doch wieder zweifelsfrei festspielwürdig macht.

Giuseppe Verdis "Aida" hingegen ist wirklich Normalbetriebs-Repertoire und bekam in Salzburg nur durch die Besetzung der Titelrolle mit Anna Netrebko Sinn. Dass die Starsopranistin heuer nicht in Shirin Neshats Inszenierung mitwirkt, hat mit Wladimir Putins Überfall auf die Ukraine, von dem sich die russisch-österreichische Doppelstaatsbürgerin zuerst halbherzig und erst nach längerem Bedenken glaubwürdig distanzierte, nichts zu tun. Schon 2021 stand die Besetzung mit der Russin Elena Stikhina fest, die, wie Netrebko, aus Valery Gergievs St. Petersburger Starschmiede, dem Mariinski Theater, kommt.

Lokalposse "Zauberflöte"

Und dann noch Mozarts "Zauberflöte", die nahezu den Status einer Salzburger Lokalposse hat - gut und berechtigt, zweifellos. Die 15. Produktion des Werks seit der Wiedereröffnung 1955 ist fest in Frauenhand: Lydia Steier inszeniert, es dirigiert Joana Mallwitz. Der deutschen Musikerin eilt ein denkbar guter Ruf voraus: Sie war jüngste Generalmusikdirektorin Deutschlands und ist derzeit Generalmusikdirektorin in Nürnberg. 2019 war sie Dirigentin des Jahres der Kritikerumfrage des Fachmagazins "Opernwelt", und ihre Einspielung von Franz Lehárs "Die lustige Witwe" ist fulminant. Steier hat ihre "Zauberflöte" bereits 2018 in Salzburg vorgestellt (damals mit Constantinos Carydis am Pult der Wiener Philharmoniker): Das Konzept mit einer großbürgerlichen Familie und Papageno als Küchengehilfe, alles erzählt von einem Märchen-Opa, um die jämmerlichen Sprechszenen zu umgehen, unterhielt glänzend, war aber nicht ausgereift. Nach der Premiere im Großen Festspielhaus gönnt Intendant Markus Hinterhäuser der Regisseurin nun einen zweiten Anlauf im Haus für Mozart, für das diese "Zauberflöte" ursprünglich geplant war.

Was fehlt, ist die Musiktheater-Uraufführung: So berechtigt Rückgriffe auf Salzburger Uraufführungen vergangener Jahrzehnte sein mögen, speziell wenn es sich um außerordentliche Werke wie Orffs "De temporum fine comoedia" handelt, so darf nicht übersehen werden, dass die Musiktheater-Uraufführung ein wichtiger Teil des ursprünglichen Salzburger Festspielgedankens war. Noch kann man der Corona-Pandemie die Schuld unterschieben. Noch.

Die Schauspielsaison der Salzburger Festspeile eröffnet traditionell der "Jedermann". Lars Eidinger und Verena Altenberger, das Dream-Team der vergangenen Spielzeit, ist ab 18. Juli in den Hauptrollen zu sehen.

Neudeutungen alter Meister

Was bringen die folgenden vier Premieren? Neue Begegnungen mit bekannten Stoffen des Welttheaters und sogar eine Uraufführung, was in Salzburg selten vorkommt. Außerdem beweist Schauspiel-Intendantin Bettina Hering erneut einen guten Griff für Theatermacher, die zu den herausragenden Vertretern ihrer Zunft gehören, aber hierzulande noch nie engagiert waren.

Der Reihe nach: Am 27. Juli feiert der Marieluise-Fleißer-Doppelschlag "Ingolstadt" auf der Perner-Insel in Hallein Premiere. Koen Tachelet verbindet Fleißers bekanntesten Dramen "Fegefeuer in Ingolstadt" und "Pioniere in Ingolstadt". In beiden Texten setzt sich die Dramatikerin mit ihrer Heimatstadt auseinander und zeichnet ein vielschichtiges Gesellschaftsporträt. Regie führt Ivo van Hove, die Burgtheater-Jungstars Marie-Luise Stockinger und Jan Bülow übernehmen die Hauptrollen, die Inszenierung ist ab 4. September am Burgtheater zu sehen.

Ab 28. Juli steht in der Szene Salzburg der "Reigen" auf dem Spielplan. Schnitzlers Abgesang auf die Liebe wird von zehn Autorinnen und Autoren neu verfasst, darunter etwa die österreichische Brachialdramatikerin Lydia Haider, die Skandalautorin Leïla Slimani und der arrivierte Lukas Bärfuss. Regisseurin Yana Ross, die im Vorjahr mit ihrer sehr deftigen Züricher Inszenierung von "Kurze Interviews mit fiesen Männern" für Furore sorgte, gibt bei den Festspielen ihr Österreich-Debut.

Regisseurin Ewa Marciniak war mit ihrer feministischen "Johanna von Orleans"-Überschreibung zum Berliner Theatertreffen eingeladen, nun inszeniert sie erstmals in Österreich. Mit ihrer Dramaturgin Johanna Bednarczyk nimmt sie sich den "Iphigenie"-Mythos vor, bei dieser Auseinandersetzung mit Euripides und Goethe wird wohl kein Stein auf dem anderen bleiben. Premiere ist am 18. August.

Thorsten Lensing, ein weithin bekannter Theatermacher der freien Szene, bringt im Salzburger Mozarteum mit Stars wie Ursina Lardi und Devid Striesow sein jüngstes Stück "Verrückt nach Trost" heraus, darin begleitet man die beiden Hauptfiguren von frühester Kindheit bis weit ins Erwachsenenleben. Bis auf "Reigen" gibt es noch Karten für sämtliche Schauspiel-Produktionen. Die Spiele mögen beginnen.