Unfassbare Camille Schnoor! Einspringerin in der Rolle der Mimi? - Ach was! Völlig egal. Die Französin zeigt in der Klosterneuburger Premiere von Giacomo Puccinis "La Bohème", wie man heute diese Rolle singen kann, singen soll: unsentimental, verführerisch, mit einer der klangschönsten Sopranstimmen seit Montserrat Caballé. Die Ausstrahlung - ungeheuer: Wenn Camille Schnoor ihren ersten Auftritt hat, ist nicht nur Clemens Kerschbaumer als Rodolfo stückgerecht fasziniert. Die Todesszene sticht ins Herz. Und Christoph Campestrini am Pult legt einen holzbläsergekörnten Orchesterklang unter diesen Weltklasse-Sopran, lässt Camille Schnoor atmen, gibt ihr Zeit, ihre leuchtenden hohen Töne klingen zu lassen, und hält dabei alles in Fluss, damit die Spannungsbögen nur ja nicht abreißen. Es ist atemberaubend!

Leonard Bernstein hegte einmal den Wunsch, "La Bohème" mit jungen Sängern zu besetzen, die keine Stars sind, um das Werk vom Dunst des Stimmkults und der Opernroutine zu befreien. Das Ergebnis, auf CD nachzuhören, ist übel. Die Grundidee aber stimmt - und wird in Klosterneuburg überwältigend umgesetzt.

Schicksalhafte Begegnung: Camille Schnoor (Mimi) und Clemens Kerschbaumer (Rodolfo). - © Roland Ferrigato
Schicksalhafte Begegnung: Camille Schnoor (Mimi) und Clemens Kerschbaumer (Rodolfo). - © Roland Ferrigato

Das Drama funktioniert

Dabei stand die Premiere unter einem übellaunigen Wetterstern mit Windböen und Regenschauern. Völlig zu Recht hat Intendant Michael Garschall gar nicht erst probiert, im Kaiserhof zu spielen, sondern hat die Produktion gleich in die Babenbergerhalle übersiedelt. Hans Kudlichs beeindruckendes Bühnenbild war nur Hintergrundfoto, keine Autos, keine Pferdekutschen, keine Show, wie sie zum Sommertheater, zu Freiluftaufführungen dazugehört.

Dennoch funktioniert das Drama. Das spricht vehement für die Regie von François de Carpentries. Keine Spur von halbkonzertanter Notaufführung, wie ein Gast anmerkte, bei der man das Geld für den Eintritt zurückbekommen sollte. De Carpentries verschreibt sich einem Liebesthriller, dessen tödlicher Ausgang von Anfang an klar ist, wenn Mimi die Bühne betritt, einen Hustenanfall erleidet und die Schattengestalt der Proserpina einen Tanz dazu aufführt. Im Winterbild des dritten Aktes werden die Zöllner und Fuhrleute dann Jenseitsgestalten sein. Mimis Verlöschen im vierten Akt streift die Grenze des emotional Erträglichen: Das Operngefühl geht verloren, die Tragödie bleibt. Nicht durch Regiekinkerlitzchen wird diese Opernaufführung zum Musiktheater, sondern durch Intensität.

Die Besetzung kennt keinen Schwachpunkt: Kerschbaumers Rodolfo ist von Mimi so überwältigt, dass er erst ganz unsicher agiert, ehe er zum Liebenden wird und das mit geschmeidigem Tenor ausdrückt: Leidenschaft ohne Verschleifer, aber mit Leuchtkraft.

Dominic Barberi lässt als Colline mit der Arie über seinen Mantel den Atem stocken. Thomas Weinhappel (Marcello) und Aleš Jenis (Schaunard) zeichnen wunderbare Charakterporträts der Bohèmiens. Marc Olivier Oetterli setzt in mehreren Nebenrollen Glanzlichter auf.

Eine Oper des Orchesters

Aleksandra Szmyd ist die zweite ganz große Entdeckung des Abends: Ihre Musetta ist von Anfang an absichtlich kapriziös, um die Verehrer auf die Palme zu bringen, aber schon da merkt man die Herzensgüte dieser Frau, die ihre Verrücktheiten nur als Rolle angenommen hat. Stimmlich? - Fabelhaft! Es tut gut, den Walzer einmal als strahlendes Lied zu hören und nicht als mechanisch abgelieferte Tonfolgen.

Den Chor hat Michael Schneider perfekt einstudiert.

Wie sehr "La Bohème" aber auch eine Oper des Orchesters ist, zeigt Campestrini am Pult der fabelhaften Beethoven Philharmonie Baden: Da ist alles sehr genau ausbalanciert, schon bei "Che gelida manina" geben die Holzbläser Kontur, sie, Hörner und Blechbläser klären den Klang, der dennoch funkeln darf. Und natürlich hat Campestrini recht, wenn er statt der viel zu breiten Basstuba dem von Puccini vorgesehenen Cimbasso den Bläserbass anvertraut. Dieser Puccini-Klang leuchtet dunkel, ist frei von den Repertoire-Süßlichkeiten, und wird so Teil dieser unsentimentalen, aber emotional intensiven Produktion.

Wenn man "La Bohème" als berührendes Drama erleben will, hat man in Klosterneubug auf jeden Fall die Gelegenheit. Und zwar völlig unabhängig vom Wetter.