Christian Berkel hat seine zum Teil dramatische und (typisch deutsche) Familiengeschichte, die theatralische Elemente birgt, in seine beiden Romane, "Der Apfelbaum" (2018) und "Ada" (2020), einfließen lassen. Seine jüdische Mutter musste aus Deutschland fliehen. Als sein Vater aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, heiratete er. Doch dann traf er Berkels spätere Mutter, seine Jugendliebe, wieder, ließ sich scheiden - und ehelichte diese.

Berkels Großvater mütterlicherseits war der Schriftsteller und Anarchist Johannes Nohl, der zeitweise in der Künstlerkolonie am Schweizer Monte Verità lebte und freiwillig nach Ostdeutschland ging. In der Familie gab es einen berühmten Pädagogen und eine Modedesignerin, die unter anderen für Hérmes Dekor für Seidenschals entwarf.

Der 1957 in Berlin geborene Christian Berkel wuchs im Schulalter in Frankreich auf und wurde katholisch erzogen. In Paris beeinflusste ihn die pantomimische Kunst von Marcel Marceau, die ihn dem Zauber des Theaters nahebrachte.

In seinem reichen Film- und Fernsehschaffen hat Berkel unterschiedlichste Charaktere verkörpert, unter anderem spielte er im Fernsehfilm "Mogadischu" den deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt, im Kinofilm "Operation Walküre" den Widerstandskämpfer Albrecht Mertz von Quirnheim, sowie den Hauptkommissar der ZDF-Serie "Der Kriminalist".

Christian Berkel mit Ehefrau Andrea Sawatzki, Deutscher Fernsehpreis, 2009. 
- © Ben Fredericson from Germany, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Christian Berkel mit Ehefrau Andrea Sawatzki, Deutscher Fernsehpreis, 2009.

- © Ben Fredericson from Germany, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Er hat auch Hörbücher gelesen (etwa die Romane von Daniel Glattauer, ebenso wie seine beiden eigenen Romane). Berkel ist sozial und demokratiepolitisch engagiert: Er hat neben zwei Söhnen mit Schauspielkollegin und Ehefrau Andrea Sawatzki auch Patenkinder aus wirtschaftlich schwachen Ländern aufgenommen, denen er auf diese Weise eine Schulbildung ermöglicht.

Zurzeit betritt Berkel in Österreich künstlerisch neues Terrain. Bei den Festspielen Reichenau, die heuer unter der Intendanz von Maria Happel nach zwei Jahren pandemiebedingter Pause einen Neustart vollziehen, inszenierte der vielseitige Künstler erstmals. Ein beziehungsvolles Theaterstück für einen Neubeginn: Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" mit Jungschauspielern aus dem von Happel geleiteten Reinhardt-Seminar und Reichenau-erfahrenen Bühnenstars wie Martin Schwab und Stefanie Dvorak. Das Stück ist noch bis 6. August in Reichenau zu sehen. (Die Kritik zu dem Stück lesen Sie hier.)

"Wiener Zeitung": Herr Berkel, sind Ihre drei beruflichen Denk- und Schaffensebenen - als Schauspieler, als Romanautor und jetzt auch als Regisseur - ineinander verschränkt? Oder führen sie jeweils ein gesondertes gedankliches Dasein?

Christian Berkel: Gemeinsam ist ihnen die Auseinandersetzung mit der Sprache. Sprache hat mich schon sehr früh fasziniert. Ab dem Moment, in dem wir als Kinder, aus der Welt der Bilder kommend, die Welt der Wörter entdecken, beginnen wir, unsere Wirklichkeit interpretierend wahrzunehmen. Mit Wörtern konstruieren wir unsere eigene Welt. Beim Spielen und Inszenieren entwirft man diese Wirklichkeit mit anderen gemeinsam, beim Schreiben ist man allein.

Frank Wedekind, dessen "Frühlings Erwachen" Sie bei den Festspielen Reichenau inszenierten, thematisiert pubertäre Nöte, Schwierigkeiten mit erwachender Sexualität und unterdrückender Autorität um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Sind diese Probleme noch aktuell oder leben wir längst in einem anderen Zeitalter mit eigenen Herausforderungen?

Jede Zeit stellt uns vor neue Herausforderungen und doch gibt es wiederkehrende Themen, an denen jede Generation sich immer wieder aufs Neue abarbeiten muss. Dazu gehört die Sexualität, die uns mit unseren Hoffnungen, Ängsten und Sehnsüchten konfrontiert und uns zu den Menschen werden lässt, die wir sind, mit allem, was uns verbindet, aber auch trennt. Auch wenn heute alles über das Internet abrufbar erscheint, bleibt die Sexualität das ewige Rätsel, das jeder für sich zu lösen versucht, indem er auf einen anderen Menschen zugeht, in der Hoffnung, ihn zu erkennen und von ihm erkannt zu werden. Das beginnt in der Pubertät - und hört nie auf.

Szene aus Wedekinds "Frühlings Erwachen", mit Simon Löcker und Sophie Pollack. - © Lalo Jodlbauer
Szene aus Wedekinds "Frühlings Erwachen", mit Simon Löcker und Sophie Pollack. - © Lalo Jodlbauer

In welchem Verhältnis stehen für Sie die verstörenden aktuellen äußeren Umstände - über zwei Jahre Pandemie, ein Krieg in ungewohnter geographischer Nähe - zur Thematik eines Stücks wie "Frühlings Erwachen"? Der Tod wird darin ironisiert, Wedekind suggeriert, die Lebenden würden die Toten erheitern, weil sie mit ihrem Getue tatsächlich nicht zu beneiden seien. Im Krieg in der Ukraine wird jeden Tag tausendfach gestorben - können wir diese Realität ausblenden, wenn wir uns mit Kunst und mit Theater beschäftigen?

Pandemie und Krieg haben uns an unsere Verletzbarkeit erinnert, an die Verantwortung, die wir tragen, wenn wir in einer demokratischen Gesellschaft leben wollen. Demokratie braucht Demokraten, sie braucht die Bürgerinnen und Bürger, die sich gegen die Gleichgültigkeit stellen, die bereit sind, ihre Bequemlichkeit zu opfern und füreinander einzustehen. Kunst kann Realität ebenso wenig ausblenden, wie sie unmittelbar auf sie reagieren kann. Kunst braucht Abstand und Zeit, um auf die äußere Realität zu reagieren, indem sie ihr ihre eigene innere Wirklichkeit entgegenstellt.

Ich glaube nicht, dass Wedekind den Tod ironisiert, er entdramatisiert ihn vielleicht und gibt ihn dem Leben zurück, das ohne ihn weder gedacht noch gelebt werden kann.

Viele flüchten sich in Zeiten geistiger Bedrängnis in Arbeit. Ist Ihre künstlerische Arbeit, also neben dem Theater auch das Schreiben von Romanen, auch eine Art Eskapismus? Hilft Ihnen die Kunst, etwaige Ängste oder Zukunftspessimismus zu überwinden?

Die Kunst hilft mir, mich mit meinen Widerständen auseinanderzusetzen. Sie schenkt mir die Möglichkeit, dorthin zu gehen, wo ich noch nicht war, wo ich sein und manchmal auch nicht sein will, um mir und anderen an alten und neuen Orten zu begegnen.

Berkels zweiter Roman. 
- © Ullstein

Berkels zweiter Roman.

- © Ullstein

Sie haben zahlreiche Filme gedreht und mit verschiedensten Regisseuren zusammengearbeitet. Sie meinten einmal, manche gingen dabei analytisch an die Arbeit, andere eher intuitiv. Jetzt führten Sie bei den Festspielen Reichenau erstmals selbst Regie - welcher Gruppe empfinden Sie sich eher angehörig?

Das können die Schauspielerinnen und Schauspieler sicher besser beantworten als ich. Meine Arbeitsweise ist assoziativ. In der Zusammenarbeit versuche ich den Text in seiner Fremdheit mit unseren eigenen Erinnerungen, Wahrnehmungen, Beobachtungen, Erfahrungen zu verbinden. Das bedeutet aber auch, ihn immer wieder neu zu lesen, zu analysieren und zu interpretieren.

Sie leben in Berlin, sind in Deutschland und Frankreich aufgewachsen. Ihre Mutter musste als Jüdin vor den Nazis fliehen, Ihr Vater war bei der Wehrmacht Stabsarzt und in Russland eingesetzt. In Ihrem Buch "Ada" spielt die russische Sprache eine wichtige Rolle, sie hilft Adas Vater, "traurig" zu sein. Wie sehen Sie, als aus einer heterogenen Familie stammender Künstler, die Problematik, sich heute in russischer oder ukrainischer Kunst auszudrücken? Anders gefragt: Soll/muss die Kunst tagespolitische Position beziehen?

Die Kunst muss gar nichts und kann alles, solange sie die Freiheit des anders Denkenden respektiert.