Wichtigste Disziplin, die das Publikum dieses Tanzabends beherrschen sollte: Sitzfleisch. Und davon jede Menge. Nicht jeder ist Meister darin und verlässt - oft auch respektlos störend - am Dienstag fluchtartig das Volkstheater. Die österreichische Erstaufführung von "Mystery Sonatas/for Rosa" der belgischen Starchoreografin Anne Teresa De Keersmaeker beim Impulstanz-Festivals ist trotz seiner Länge nicht der ausschlaggebende Grund für dieses Verhalten. Vielmehr war es das Vorspiel zu dieser Performance, das gewaltig auf die Stimmung drückte: eine fast 40 minütige Verspätung des Vorstellungsbeginns um 21 Uhr, bei dem die Zuschauer zunehmend ungeduldiger auf ihren Sitzplätzen verharrten. Der Grund dafür war ein Fehlalarm aufgrund einer hyperaktiven Nebelmaschine.

Doch der Nebel lichtete sich nach einer gefühlten Ewigkeit, und setzte ein Gesamtkunstwerk frei, das Frauen des Widerstands gewidmet ist: Insbesondere vier Rosas - Parks, Luxemburg, Bonheur und einer 15-Jährigen namens Rosa, die letztes Jahr bei Überschwemmungen in Belgien ums Leben kam. Auch ist "Mystery Sonatas" von Rosen, ihren Blüten, und Rosenkränzen inspiriert. Und, nach ihren famosen Bach-Interpretationen, einmal mehr eine tänzerische Würdigung eines Komponisten - nämlich Heinrich Ignaz Franz Bibers mit seinen "15 Rosenkranzsonaten".

Meditative Stimmung

Szene aus "Mystery Sonatas/for Rosa". - © Anne Van Aerschot
Szene aus "Mystery Sonatas/for Rosa". - © Anne Van Aerschot

Es sind fünf Performer und die Livemusik - gespielt von Gli Incogniti unter der musikalischen Leitung von Amandine Beyer -, die den Zuseher in eine Art Meditation oder auch Trance versetzen. Damit verstärkt De Keersmaeker Bibers Intention, dass diese Musik das Rosenkranzbeten begleiten soll.

Man sieht in Tableaux vivants verschlungene Körper, die an Gemälde und Szenen aus der Bibel erinnern. Mit mancher Hand- oder Fingerhaltung assoziiert man religiöse Inhalte. De Keersmaekers unverwechselbarer Stil lässt auch hier die Tänzer gehend die Bühne ausmessen, ihre Tanzsequenzen beinhalten einen unbeirrbaren Wechsel der Richtungen mit manchmal steifen, dann wiederum schwingenden Armen. Es sind Ensembleszenen von De Keersmaekers Kompagnie Rosas - auch hier der Bezug zu den Rosen -, die in strengen Formen und Wiederholungen in verschiedenen Bühnenrichtungen getanzt werden. Die Soli unterscheiden sich von einander in ihrem Schrittrepertoire und lassen die Vermutung zu, auf die jeweiligen Tänzerpersönlichkeiten zugeschnitten zu sein. Vieles ist kreisförmig choreografiert - vielleicht ist es die Form einer Rose. Eine Augenweide ist die gelebte Diversität der Performer-Körper.

De Keersmaeker braucht und will kein Narrativ, Erklärungen gibt es keine, lediglich Assoziationen steht sie dem Zuseher zu, was in 135 Minuten manchmal ermüdet. Trotz des genialen Bühnenbilds in Form einer Metallschlaufe und den Lichtspielen von Minna Tikkainen, den hervorragenden Gli-Incogniti- und Rosas-Ensembles will der Funke der Begeisterung nicht zünden. Die Nebelmaschine ist schuld. Definitiv.