Wolken segeln auf der Videowand über einen grauen Himmel, die Geräusche einer Sturmflut drohen Unheil an. Im Dämmerlicht erscheinen nach und sechs Tänzerinnen in dunkelblauen Hosen und farbigen Sneakers, mit bloßem Oberkörper. Sie liegen oder sitzen herum, lehnen an der halbhohen weißen Wand, die die weiß ausgelegte Bühne vom Himmel trennt. Manche studieren mit starrer Miene das Publikum, andere schleichen umher und vermessen den Raum. Sie kümmern sich nicht um einander, sind antriebslos und passiv.

Die Reaktionen der Körper auf die Corona-Pandemie ergeben einen faszinierenden Abend. Marielle Rossignol - © Marielle Rossignol
Die Reaktionen der Körper auf die Corona-Pandemie ergeben einen faszinierenden Abend. Marielle Rossignol - © Marielle Rossignol

Ein Schrei beendet die Lethargie. Es ist die Stimme der kanadischen Sopranistin Barbara Hannigan, die eine Arie aus György Ligetis Oper "Le Grand Macabre" intoniert.

Der Koloraturgesang dauert acht Minuten, während im begrenzten Bühnenraum des Akademietheaters kaum etwas geschieht. Die Tänzerinnen wechseln träge ihren Platz, suchen eine Neuordnung im Raum, liegend, stehend, gehend oder an der Wand lehnend.

Körper auf der Suche nach ihrem Bewegungsrepertoire: "Records" von Mathilde Monnier. - © Marc Coudrais
Körper auf der Suche nach ihrem Bewegungsrepertoire: "Records" von Mathilde Monnier. - © Marc Coudrais

Mathilde Monnier hat die ersten Bewegungen für ihre jüngste Choreografie im Mai 2020 gegen Ende des ersten Lockdowns in Frankreich aufgezeichnet und währenddessen die Stimme Hannigans gehört. Sie wird die knappe Stunde von "Records" begleiten. Später ist auch der geisterhafte Psychedelic-Rock der Band The Comet is Coming zu hören.

Erinnerte Bewegungen

Der Titel "Records" meint weniger die Schallplatte als die Aufzeichnung, das Protokoll. Das Protokoll der Pandemie. Was haben Experten-Warnungen, Videokonferenzen und die sozialen Netzwerke einerseits und die Abgeschlossenheit, und Unbeweglichkeit plus die Trennung voneinander und der Realität andererseits mit uns allen gemacht? Monnier bittet ihre Tänzerinnen, sich an alles zu erinnern, was während der schwierigen Zeit in ihre Körper eingeschrieben worden ist. Die Erfahrungen von Instabilität, von Einsamkeit und Stillstand, können nicht vergessen werden, doch der Kontakt zur Welt draußen und zueinander muss neu hergestellt werden. Er wird anders sein als davor.

Auf der Suche nach erinnerten Bewegungen, hat Monnier, wie sie berichtet, getrachtet, "alles, was ich als Kommentar, Ornament bezeichne, also das Überflüssige, loszuwerden". Im leeren Raum gibt es nur diese weiße Wand, Grenze und Brücke zugleich, und die Körper der Tänzerinnen, die alle ihre Gefühle, Gefühle, die sie mit der Welt teilen, noch einmal durchleben.

Dass alles Überflüssige von der Choreografin weggelassen wird, erfordert von den Tänzerinnen ein neues Bewegungsvokabular. Gekrümmte, geknickte Körper, steife, gedehnte Gliedmaßen, hilflose Flugbewegungen, clowneske Sprünge, Kampfposen und eingerolltes Hocken, den Kopf im Sand oder unter Wasser, Bürzel in der Höhe. Aus dem Hämmern der Füße gegen die Wand im Takt der Musik entsteht ein entspannter Dialog. Doch das Zueinanderfinden ist nicht einfach, Aggressionen brechen auf, Ekel vor sich selbst und Wut. Das Schreien, Würgen, Brüllen, Schluchzen, Krächzen, Stöhnen, für sich allein, gegeneinander und miteinander, weckt eigene Erinnerungen. Das Bedürfnis, Rabatz zu machen, ist nur zu bekannt.

Im farbigen Licht bricht das Chaos aus, als rasende Megären bewegen sich die sechs Tänzerinnen im Raum, toben, kreischen, rennen bis sie erschöpft an der stützenden Wand lehnen. Der Videohimmel ist blau, das Licht weiß, und Mathilde Monnier kann mit ihren Tänzerinnen den tosenden Applaus entgegennehmen.