Der Wunschsendungs-Hit aus Giuseppe Verdis dritter Oper zieht immer noch: Beim Gefangenenchor "Va, pensiero" wurden im Steinbruch St. Margarethen die Handys gezückt. Man hatte das zweifelhafte Vergnügen, die Chorszene über die Screens der Vorderreihe sehen zu dürfen. Da hätte man gleich zu Hause ORF III aufdrehen können, wo die Oper live übertragen wurde. Dabei hat diese "Nabucco"-Inszenierung mehr zu bieten als Instagram-taugliche Szenen. Das wurde schon bei der Ouvertüre spürbar. Der italienische Dirigent Alvise Casellati sorgte mit klaren dynamischen Abstufungen für einen packenden Beginn. Das ungarische Piedra Festivalorchester ließ präzise rhythmische Details aufblitzen.

Heilende Wunde

Das Inszenierungskonzept entwickelt sich folgerichtig aus dem Aufführungsort heraus, der 1996 erstmals mit einer Oper (ebenfalls "Nabucco") bespielt worden ist. Steinbruch-Geklapper aus den Lautsprechern erinnert vor Vorstellungsbeginn daran, dass wir es mit einer menschengeschaffenen Landschaft zu tun haben, einer Wunde, die am Ende dieses Opernabends zumindest symbolisch heilt.

Regisseur Francisco Negrin ist gut gebucht von Los Angeles über London bis Amsterdam und zudem Spezialist für große Freiluftspektakel. Er schafft in St. Margarethen eine klare Bildsprache, die zwischen Natur und Zivilisation, Geknechteten und Herrschenden unterscheidet. Die Bühne wächst nahtlos aus dem Felsen heraus und imitiert die Steinformationen sowie die Metallrampen für die Erschließung des Veranstaltungsorts. Die Aussage: Wir, das Publikum, sind Teil des Problems, schneiden Schneisen in die Natur, die auch unsere Ära, das Anthropozän, überdauern wird. Im letzten Akt brechen die Felsen auf und werden von Pflanzen-Projektionen überwuchert (Bühne: Thanassis Demiris, Lichtdesign: Bruno Poet).

Die Charaktere sind in zwei Gruppen gezeichnet: Die Hebräer erkennt man an Kleidern in gedeckten Naturfarben, die herrschenden Babylonier glänzen rot und golden, mit zackigen Fantasie-Harnischen. Negrin interessiert sich weniger für den religiösen Hintergrund der Opernhandlung, sondern legt die Mechanismen der Macht mit ihrer unwiderstehlichen Verführungskraft bloß. Am Ende sind (fast) alle in neutralem Weiß gekleidet - ein utopisches Moment der Überwindung von Konflikten und Hierarchien.

Nur Abigaille will das kräftig leuchtende Kostüm der Herrschenden nicht ablegen. Die Tochter des Königs Nabucco kämpft mit allen Mitteln um die Macht im Staat. Sopranistin Ekaterina Sannikova leiht ihr am Premierenabend eine starke Bühnenpräsenz und ihre tief und sicher sitzende, warme Stimme. Sie meistert auch größte Sprünge und Tongirlanden mit dramatischer Kraft. Geboren in der Ukraine, ausgebildet in St. Petersburg und im "Young Artist"-Programm des Mariinski-Theaters, wo sie als Ensemblemitglied geführt ist (ein Umstand, der im ausführlichen Programmheft-Interview nicht angesprochen wird), ist sie frischgebackene Siegerin des Wettbewerbs Monte-Carlo Voice Masters - und offensichtlich bereit für eine Weltkarriere. Als ihre Schwester Fenena überzeugt Monika Bohinec, wie man sie als Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper kennt: mit breit strömendem Mezzo und emotional intensiven Momenten. Staatsopern-Erfahrung haben auch die Darsteller von Zaccaria und Ismaele. Jongmin Park setzt als Hohepriester der Hebräer seinen dunklen, gewaltig orgelnden Bass höchst wirkungsvoll ein. Jinxu Xiahous Tenor wirkt zunächst scharf und flattrig, als Ismaele findet er aber im Laufe der Premiere zu sicher-kernigem Stimmsitz. Der US-amerikanische Bariton Lucas Meachem meistert als Nabucco alle Hürden, Park kann als Zaccaria aber im Duell der tiefen Stimmen musikalisch dramatischere Effekte erzielen. Nicht zuletzt trägt der vokal agile, hinter der Bühne postierte Philharmonia Chor Wien von Walter Zeh mit ausdifferenziertem Ensemblegesang diese gelungene Aufführung.