Die Bregenzer Festspiele locken heuer gleich doppelt mit exotischen Aussichten: Ab nächstem Mittwoch wird die Seebühne zum Austragungsort von Puccinis Japan-Oper "Madame Butterfly"; einen Tag nach dem Festivalstart widmet sich das Festspielhaus einer Opernrarität von Umberto Giordano, nämlich "Sibirien". Dem östlichen Titel gemäß, hat Intendantin Elisabeth Sobotka das Werk mit zwei Russen an Dirigenten- und Regiepult besetzt. Im Interview erklärt sie, warum es daran nichts auszusetzen gibt, wie es mit den Verkaufszahlen und Corona-Regeln steht sowie mit ihrer Zukunft in Berlin.

"Wiener Zeitung":Derzeit macht ein Publikumsschwund den Bühnen international zu schaffen. Die Hauptattraktion am Bodensee scheint das nicht zu treffen: Die Tickets für "Madame Butterfly" sind zu 90 Prozent verkauft, hieß es jüngst. Liegt das daran, dass den Freiluftabenden ein Event-Charakter anhaftet?

Noch für drei Sommer in Bregenz: Elisabeth Sobotka. - © apa / Fohringer
Noch für drei Sommer in Bregenz: Elisabeth Sobotka. - © apa / Fohringer

Elisabeth Sobotka: Wir haben gerade eine weitere, gute Erfahrung mit einem kleineren Projekt gemacht. Im Vorjahr mussten wir "Die Italienerin in Algier", die Premiere unseres Opernstudios, wegen der Pandemie absagen. Wir haben das nun nachgeholt: Alle drei Vorstellungen Anfang Juli im Theater am Kornmarkt waren ausverkauft. Und die "Butterfly" am See ist, bis auf einige Restkarten, ebenfalls ausgebucht. Von einer Kulturmüdigkeit haben wir bisher nichts gespürt. Ich denke allerdings, es hilft uns, dass wir eine Kombination aus Kultur- und Urlaubsdestination sind.

Puccinis "Butterfly" ist eine Tragödie mit wenigen Figuren, die Bregenzer Seebühne ist dagegen gigantisch - und berühmt-berüchtigt für ihre spektakulären Effekte. Wie lässt sich das eine mit dem anderen verbinden?

Regisseur Andreas Homoki und Bühnenbildner Michael Levine wollen der Geschichte nichts überstülpen; sie versuchen, das Innenleben der Protagonistin Cio-Cio San auf der Seebühne zu inszenieren, ihre Gefühle gewissermaßen bühnenfüllend zu vergrößern. Ich glaube, das funktioniert sehr gut. Einerseits durch das Bühnenbild - ein riesiges Blatt Papier, das trotz seiner Dimensionen fragil wirkt. Andererseits verwenden wir eine sehr elaborierte Licht- und Videogestaltung, die dieser Bühne ein Eigenleben einhaucht.

Arbeiten Sie mit Videos, die präzis auf gewisse Teile des Bühnenbilds projiziert werden, also mit Videomapping?

Ja. Wobei wir uns im Rahmen einer langen Vorlaufzeit Beamer gekauft haben, die ein raffiniertes Zusammenspiel von Licht und Video erlauben. Das Ergebnis hat eine eigene Tiefe, Lebendigkeit und Farbigkeit.

Läuft der Kartenverkauf für die Oper im Festspielhaus zäh? Kaum jemand kennt Giordanos "Sibirien".

Wir sind es gewohnt, dass wir bei unseren Opern im Festspielhaus ein bisschen etwas erklären müssen. Aber: Es ist eine mitreißende Sängeroper, sie hat die Kantabilität des Verismo. Eine Präsentation mit den Sängern hat uns geholfen, das lokale Publikum zu überzeugen; die Premiere ist voll.

Warum spielen Sie heuer "Sibirien"?

Aus den genannten Gründen - und weil ich draufgekommen bin, dass es enge Verbindungen mit "Madame Butterfly" besitzt. Beide Stücke sind zur gleichen Zeit entstanden. Als Puccinis Oper im Jahr 1903 nicht rechtzeitig für die Mailänder Scala fertig wurde, hat man stattdessen Giordanos "Sibirien" uraufgeführt. Es ist spannend, zu vergleichen, wie verschieden hier zwei Komponisten mit exotischen Schauplätzen umgehen. Giordano erweist sich dabei zwar um einiges ungelenker, doch als hochgradig energiegeladen, während Puccinis "Butterfly" bis ins kleinste Detail präzis und perfekt konstruiert ist.

Der Dirigent Ihrer "Sibirien"-Premiere heißt Valentin Uryupin, ist Russe und leitet in Moskau das Neue Opernhaus, der Regisseur ist sein Landsmann Vasily Barkhatov. Hat Ihnen diese Besetzung Kritik eingebracht nach der russischen Ukraine-Invasion?

Nein. Uryupin ist in der Ukraine geboren, russischer Staatsbürger und hat sich von Anfang an in den sozialen Medien gegen den Krieg positioniert. Wir sind mit allen russischen Künstlern, die heuer in Bregenz auftreten, direkt in Kontakt getreten. Wir haben von ihnen keine offiziellen Statements verlangt - ich finde, das steht uns nicht zu. Aber wir haben uns dessen versichert, dass sie unser demokratisches Grundverständnis teilen. Ich finde es wichtig, die aufrechten Geister unter den russischen Künstlern zu unterstützen.

Ein anderer Krisenherd ist und bleibt Corona. Denken Sie, dass die geplanten Termine Ihres Festivals alle stattfinden werden können?

Wir hatten während der Probenphase schon einige Infektionen und haben darum die internen Regeln verschärft. Bei engen Begegnungen gilt wieder Maskenpflicht, dadurch konnten wir Infektionsketten durchbrechen und Cluster verhindern. Ausschließen kann man Probleme nicht, aber momentan fahren wir mit unseren Vorsichtsmaßnahmen gut.

Für das Publikum gibt es derzeit aber keine Verbote?

Ja, aber wir empfehlen Masken.

Im Mai wurde bekannt, dass Sie nach dem Sommer 2024 die Intendanz der Berliner Staatsoper Unter den Linden übernehmen. War Bregenz irritiert?

Nein. Ich werde bis dahin zehn Jahre in Bregenz gewesen sein. Und ich habe den Wechsel offen kommuniziert. Festspielpräsident Hans-Peter Metzler und der kaufmännische Direktor Michael Diem haben es verstanden, dass ich in meinem Leben nochmals ein Opernhaus mit einem Ensemble leiten will. Und: Bei der Berliner Staatsoper kann man nicht nein sagen. Ich werde Bregenz natürlich mit einem weinenden Auge verlasse - und hoffe, die Bregenzer sind dann auch ein bisschen traurig.

Sie kennen das Berliner Haus ausgezeichnet, hatten dort nach der Jahrtausendwende einen leitenden Posten auf zweiter Führungsebene. Als Intendantin der Staatsoper liegen herausfordernde Zeiten vor Ihnen - unter anderem gilt es, die Nachfolge von Daniel Barenboim zu regeln, der noch bis 2027 als Chefdirigent verpflichtet ist.

Ich kenne Daniel Barenboim seit langem, ich schätze ihn sehr und wir kommen gut miteinander aus. Die Frage seiner Nachfolge steht sicher an. Mein Wunschtraum wäre es, dass wir einen gemeinsamen Weg finden und die Staatsoper dadurch auf
eine gute Zukunftsbasis stellen können.