Rund 300 Mal hat Alfons Haider in "The King And I", dem süffigen Siam-Musical von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein, mitgespielt. Man könnte darüber nachdenken, ob man die Aufführung vom Donnerstag nicht dieser Liste hinzufügen sollte. Natürlich: Nicht, dass der neue Generalintendant des ehemaligen Operettenreichs Mörbisch bei dieser ersten selbstverantworteten Musical-Premiere eine Rolle als Sänger verkörpert hätte. Aber: Mit einer Begrüßungsrede von weit mehr als zehn Minuten Länge, gefolgt von einem zweiten Auftritt am Pausenbeginn, hat sich Haider an dem Abend doch eine stattliche Bühnenpräsenz verschafft - und eine mehr als tröstliche Botschaft in eigener Sache vermittelt. Mochte er auch nicht mehr selbst den König von Siam mimen, ist er in Mörbisch doch zum Prinzipal eines burgenländischen Groß-Festivals aufgestiegen.

Bombast in Jumbo-Version

Üppig nicht nur der Prominententross, der sich eingefunden hatte, von Burgenlands Landeshauptmann (und Haider-Förderer) Hans Peter Doskozil über Botschafter, Kirchenmänner und Künstlern bis zu den Adabeis - opulent auch die Bühne. Zum Einstand hat Haider offenbar einen Etat bewilligt bekommen, der ihm eine Jumbo-Version des übliche Mörbisch-Bombasts gestattet: Eine Hundertschaft von Choristen, Artisten und Sängern wuselt durch ein Musical-Siam, angetan mit seidenen Kostümen und güldenen Kronen (Charles Quiggin, Aleš Valašek), die weiträumige Seebühne ächzt unter architektonischer Pracht: Walter Vogelweider hat für die Festspiele den bisher höchsten Bühnenturm errichtet und dazu etliche weitere Thai-Türmchen und Pagoden. Luxuriös bestückt die Bühnenränder: Links prangen Pfahlbauten, rechts glitzert ein Gebirge. Luxuriös, weil: Weder die Häuser noch das Gestein werden im Laufe der drei Musicalstunden je in das Spiel integriert.

Gut, ein gewisses Maß an Prachtentfaltung hat dieser Stoff natürlich nötig: "The King and I" erzählt von einem siamesischen König und einer britischen Lehrerin, die er Mitte des 19. Jahrhunderts aus Reformgründen an seinen Hof holt. Doch bald schon fliegen gehörig die Fetzen, weil in dem gekrönten Haupt ein zutiefst sexistischer Geist haust und sich die Engländerin als Verfechterin weiblicher Selbstbestimmung erweist. Simon Eichenberger inszeniert die Reibereien, aber auch temporären Flirts dieses gegensätzlichen Duos mit leichter Hand, hält die folkloristisch vollgeräumte Bühne dabei erstaunlich in Bewegung und hat in Milica Jovanović eine exzellente Hauptdarstellerin: Die Deutsch-Serbin gestaltet nicht nur ihre Balladen mit jenem honigsüßen Timbre, das im Musicalfach als State of the Art gilt, sie vermittelt auch die Wutattacken der englischen Pädagogin prächtig, nämlich mit zürnenden Dezibelspitzen, klangscharfen Konsonanten und einer beachtlichen Schauspiel-Inbrunst.

Die Darstellung des Monarchen könnte dagegen Befremden auslösen. Kok-Hwa Lie verleiht ihm nicht jenes männlich-machtvolle Gepräge wie einst Yul Brynner, er legt die Rolle (womöglich auf Regiegeheiß) eher komödiantisch an, oft kindsköpfisch, zeternd. Im Verbund mit den Sprechtexten dieses Regenten, die weitgehend aus einem verwordagelten Ausländer-Deutsch bestehen, ergibt das ein fragwürdiges Bild von einem Asiaten. Wobei man überhaupt fragen könnte: Sollte man dieses Musical, im Premierenjahr 1951 noch ein harmloser Spaß, heute eine krude Klischeeparade, wirklich noch auf die Bühne bugsieren? Nun: Ein Festival könnte zumindest ein wenig problembewusster mit Stereotypen umgehen, als sie genüsslich in einem kostbaren Dekor auszubreiten.

Aber gut: Vertreter einer "woken" Geisteshaltung werden Mörbisch wohl ohnedies nicht beehren. Und die Stammgäste könnten Gefallen an dem gebotenen Augenschmaus finden und an Richard Rodgers’ beschwingten Melodien im Orchestermantel (Dirigent: Michael Schnack), die der Operette noch durchaus nahestehen. Keine Überraschung also, dass es am Premierenabend knapp nach Mitternacht einhelligen Applaus setzt, auch für Vincent Bueno als spielfreudigen Kronprinzen und Leah Delos Santos als schallstarke Lady Thiang - ein erfreulicher Zufall dabei, dass der Regen erst wenige Minuten später losbricht.