Jan Lauwers und seine Needcompany orten die Kunst und die Liebe als all das Gute in Zeiten des Chaos und der Gewalt.

Die flämische Needcompany, das ist die Familie Lauwers: Vater Jan, der Regisseur, Mutter Grace Ellen Barkey, die Choreografin, die beiden erwachsenen Kinder, Romy Louise und Victor, Freundinnen und Freunde. Sie alle plappern, hüpfen, singen und musizieren zwischen Kunst und Krempel auf der Bühne im Volkstheater. Sie sind zugleich sie selbst und Darsteller ihrer Rollen, vermischen Privates mit Öffentlichen, Intimes mit Banalem, reden über den Krieg und die Liebe, über Gewalt und Sex, über den Tod und die Heilkraft der Kunst. Was ist wahr, was ist fiktiv an diesen Geschichten? Das ist nicht wichtig, denn Wahrheiten gibt es viele und auch die Geschichte ist nur ein G’schichtl, das irgendjemand irgendwann erzählt hat.

Vermischung von Privatem und Öffentlichem: "All the Goods" von Jan Lauwers. - © Phile Deprez
Vermischung von Privatem und Öffentlichem: "All the Goods" von Jan Lauwers. - © Phile Deprez

Jan Lauwers selbst ist nur zu Beginn als "irreführender Erzähler" präsent. Er stellt das Team vor und auch sein "Selbstporträt", den französischen Schauspieler Benoît Gob, der den Vater darstellt. Vom Rand sieht er sich selbst zu, "einem Künstler, der in einem Netz von Zweifeln gefangen ist. Einen düsteren Romantiker." Zwei Stunden lang, wird "ein Tag im Hause Lauwers" gespielt, wo Chaos und Krach, Liebe und Zärtlichkeit, fröhlichem Tanz und banalen Merksätzen.

"Total nutzlos"

Ins Zentrum des Geschehens rückt bald eine Pyramide aus Glaskugeln oder Tropfen, die immer wieder um- und ausgebaut wird, sich drehen und verschieben lässt und wächst. Die gläsernen Objekte sind aus Hebron. "Mahmoud hat sie gemacht", erzählt Lauwers in der Einleitung und nennt sie "total nutzlos." Am Ende, nach 120 abwechslungsreichen Minuten, reich an Ironie und Gefühlsstürmen, steht ein Kran, ein Schwan oder ein riesiger Saurier aus gläsernen Objekten auf der Bühne, die Company tanzt im Kreis herum.

Die Kunst aus Glas und die Liebe, die in der jungen Romy erblüht. Sie bringt den israelischen Tänzer Elik, einen ehemaligen Elitesoldaten, ins Haus. Mutter Grace unterzieht ihn einem peinlichen Verhör: "Wie viele hast du getötet?" Übrigens, der Darsteller Elik Niv ist tatsächlich Tänzer, war tatsächlich Soldat. Lauwers hat ihn 2014 kennengelernt. Die Familie gerät in Aufruhr, nicht nur wegen Elik. Mutter Grace hat über Tinder einen Sex-Partner gesucht, der Vater mag nicht mehr. Blöderweise ist der Neue ein Freund der Familie. Da lässt sich der Betrogene zu einer Brüllorgie hinreißen, die nur durch den Höllentanz in Eliks Albträumen übertroffen wird.

Die Themen werden härter

Im Laufe der 36 Jahre ihres Bestehens hat die Company ihre komödiantische, körperbetonte Bühnenpraxis nicht geändert, nur die angebotenen Themen werden härter, mutiger, gleichzeitig durch Musik und buntes Treiben wieder gemildert. Mit bloßer Hand greift Lauwers in seinen Texten heiße Eisen an, zeigt, dass es keine Intimität, keine Scham, keine Tabus mehr gibt. Die Livekamera ist immer dabei, leuchtet auch in die Vagina von Romy, zeigt den Penis Eliks als Hampelmann. Am Ende, nach dem deklarierten Verzicht auf Metaphern, wird die Metapher aller Metaphern, der Tanz im Kreis, das unaufhörliche Laufen im Hamsterrad zelebriert. Als Epilog zeigt Vater Benoît das Bild "Kreuzabnahme" (Rogier van der Weyden): "Das sind die wahren Geschichten, die Geschichten, die in der Substanz des Gemäldes begraben sind." Darin ist "all das Gute" zu finden: "Seht hin!"