Am 16. Jänner 1995 ging FM4 on air. Von Anfang an dabei: der "Salon Helga", der von Ö3 übernommen wurde. Seit 1989 vermischten dort ein gewisser Christoph Grissemann, damals bekannt als der Sohn von Ernst Grissemann, und der anfangs gar nicht bekannte Dirk Stermann, geboren 1965 in Duisburg, tragikomische Kurzgeschichten mit Parodien, Telefonstreichen und plumpen Kalauern. Die Sendung wurde bald Kult und hielt sich bis 2014 im FM4-Programm. Bis 2002 kommentierten die beiden auch den Song Contest.

Grissemann ist heute womöglich bekannter als sein Vater, und Stermann, der 1988 als Quasi-Studienflüchtling nach Wien kam, ist ebenfalls längst eine feste Größe in der heimischen Medienlandschaft. Nach gemeinsamen Radiosendungen und Bühnenprogrammen moderieren die beiden seit nunmehr 15 Jahren im ORF "Willkommen Österreich". Am 12. Oktober stellt sich Stermann nun zum ersten Mal alleine ohne Grissemann auf eine Kabarettbühne. Im Interview spricht der (laut Eigendefinition) "deutsche Wiener" über sein spätes Solodebüt "Zusammenbraut", sein aktuelles Buch "Maksym", das von einem fiktiven Dirk Stermann handelt, und den Radiosender FM4, dessen Anfänge er mitgeprägt hat.

"Wiener Zeitung": Sie sind im Radio großgeworden. Hat dieses Medium heute, in Zeiten von Streaming und Sozialen Medien, noch den gleichen Stellenwert wie damals?

Dirk Stermann: Ich denke, dass die Podcasts ganz viel übernommen haben, weil es jetzt für jedes Tierchen sein Podcast-Pläsierchen gibt. Und das Radio versucht verzweifelt, auch im nicht-analogen Raum zu funktionieren, weil ihm eingeredet wird, dass das die Zukunft sei. Ich bin immer noch ein analoger Radiohörer und finde es großartig, aber ich weiß, dass ich da zu einer lächerlichen Minderheit gehöre. Ich finde es auch ganz gut, wenn ich vor dem Radio sitze und zuhöre, dass ich nicht zurückspulen und vorspulen kann. Es war für meine ganze Arbeit etwas ganz Entscheidendes, was einmal ein alter Radiokollege zu mir gesagt hat: "Du, das ist so wurscht, das versendet sich alles." Das finde ich eine gute Herangehensweise, weil man dadurch nicht so ein Opfer der Ewigkeit ist. Es ist noch immer das faszinierende Medium, das ich schon damals super fand. Aber der Stellenwert hat schon massiv abgenommen.

Auch, weil die meisten Sender Einheitsbrei senden?

Wobei FM4 noch immer ein bisschen andere Musik spielt. Und dadurch auch ein bisschen sperriger ist. Es hat aber nicht mehr die Bedeutung wie früher als Fenster zur Welt, das seinerzeit viel vorweggenommen hat, weil die Welt seither ein bissl aufgeholt hat und jetzt alle Fenster offenstehen. FM4 hat begonnen, als das Internet sich noch nicht durchgesetzt hatte. Damals habe ich einen Vortrag von Konrad Becker über das Internet gehört, im Café Stein. Der hat uns auf einer Leinwand vier urschiache Krawatten gezeigt in einem Geschäft in Jerusalem und gesagt: "Die könnte man dann im Internet bestellen." Und ich habe damals gesagt: "Also öder geht nimmer." Da lag ich wohl nicht ganz richtig mit meiner Einschätzung. Nur was Amazon betrifft, habe ich wohl damals schon den richtigen Standpunkt gehabt.

Ihr erster großer Erfolg war "Salon Helga". Wie kam es dazu? Sie sind ja damals nach dem Zivildienst mit Sack und Pack nach Wien ausgewandert . . .

Ja, ich bin ganz alleine gekommen, mit kleinem Sack und kleinem Pack. Wir haben beide in der Ö3-Redaktion bei "ZickZack" angefangen, unabhängig voneinander, und haben irgendwann zusammen eine Sendung gemacht, dann durften wir noch eine machen und noch eine, und dann haben sie uns irgendwann einfach machen lassen. Das ging damals noch. Heute würden wir am ORF-Assessment-Center scheitern. Ich hätte popmusikalisch so wenig Ahnung, dass ich in der ersten Runde nach Hause geschickt würde.

Sie arbeiten jetzt seit 33 Jahren zusammen. Geht man einander da auch einmal auf die Nerven oder möchten Sie keinen Tag mit Grissemann missen?

Ich möchte auch Tage mit ihm missen. Klarerweise ist bei einer so langen Zusammenarbeit auch einiges nicht cool. Gleichzeitig aber schätzen wir einander natürlich und wissen auch, dass es irgendwie zusammengehört. Ich werde oft gefragt: "Wie geht es euch?" Und nicht: "Wie geht es dir?" Man ist da irgendwie scheinbar verschmolzen zu einer Art Sendungsmasse. Umso wichtiger ist es, auch einmal Dinge alleine zu tun.

Ist Ihr Kabarett-Solodebüt aus diesem Bedürfnis heraus entstanden?

Es hat sich ergeben, weil der Kollege kein neues Programm machen wollte. Und es ist ein ganz guter Versuch, mal zu schauen, wie es alleine läuft. Wenn man nur eigenverantwortlich ist und zu den Treffen nicht zu spät kommt, weil man nur sich selber trifft, ist das ganz angenehm. Und wenn man nur mit seiner eigenen psychischen Devastiertheit klarkommen muss.

Wie authentisch sind Ihr Kabarettsolo und Ihr neues Buch "Maksym", die ja von einem Dirk Stermann handeln?

Er trägt den gleichen Namen wie ich, macht das Gleiche und lebt in einem ähnlichen Familienkonstrukt. Aber es ist Fiktion. Es ist ein Spiel mit Wahrheit und Lüge, eine Art Melange, wo Dinge deshalb ganz gut verschwimmen, weil sie alle möglich sein könnten, ob sie nun stimmen oder nicht. Man kennt danach den Dirk Stermann, der über einen möglichen Dirk Stermann geschrieben hat. Aber man kennt nicht den echten Dirk Stermann. Das geht mir aber auch nicht anders, ich kenne mich selbst auch noch nicht so richtig.

Und die Tochter, die im Kabarettprogramm "Zusammenbraut" heiratet?

Die gibt es, aber sie heiratet nicht. Mir ist der Titel "Zusammenbraut" irgendwann im Flugzeug in den Sinn gekommen, ich glaube, weil mir kurz davor der Fotograf Ingo Pertramer ein altes Foto zugeschickt hatte, auf dem ich als Frau von Altbundespräsident Heinz Fischer zu sehen war in einem Sketch über deren Hochzeit. Ich hatte ein Brautkleid an, und es war ein echt zombiehaftes Foto. Da hatte ich dann die Idee, eine Hochzeitsrede zu halten - auch als Dirk Stermann. Man lernt über diese Figur deutlich mehr Abgründe kennen, als ich über mich auszubreiten bereit wäre. Ich bin ja auch im Fernsehen ein anderer Dirk Stermann als privat.

"Willkommen Österreich" läuft im ORF jetzt auch schon 15 Jahre - hat diese Sendung ein Ablaufdatum?

Das weiß ich nicht. Aber dadurch, dass wir mitaltern, könnte sich die Sendung theoretisch mitverändern. Da ist halt dann die Frage, wen das dann interessiert. Solange die Einschaltquoten so gut sind wie jetzt, wird es wohl weiterlaufen. Auch, weil es eine relativ günstige Sendung ist und der ORF ja nicht ausschließlich alte US-Serien wiederholen kann. Und wie lange wir das noch machen können und wollen? Ich finde es ja ein ganz hübsches Bild, vor der Kamera umzukippen. Christoph möchte das nicht, der möchte neben der Kamera umkippen oder dahinter.

Spekulieren Sie auf ein Ehrengrab?

André Heller hat mir gesagt: "Der Unterschied zwischen uns ist, dass ich ein Ehrengrab bekomme und du ein Grab ehrenhalber. Das heißt, du musst es trotzdem bezahlen."

Zurück zu "Willkommen Österreich": Wie spontan sind die Gespräche mit Ihren Sendungsgästen?

Wir haben nur eine Handvoll Autoren, die mit uns das Script und die Gags schreiben, aber die müssen auch noch das ganze ORF-Programm sichten. Harald Schmidt hatte seinerzeit bis zu hundert Gagschreiber. Es gab auch von Anfang an den Wunsch an uns, dass wir aus dem vorgegebenen Konzept ausbrechen und improvisieren. Das geht mal besser und mal schlechter. Unsere Gäste wissen vorher nicht, was wir sie fragen werden - weil wir es selbst auch vorher nicht wissen. Da ist immer die Hoffnung, dass etwas entsteht. Im allerbesten Fall wird es ein merkwürdiges Pingpong. Da sind die unbekannteren Gäste oft die interessanteren. Weil halt auch viele Schauspieler oder Sportler dabei sind, wo man, wenn man ganz ehrlich ist, gar keine Fragen mehr hat. Man muss aber trotzdem so tun, als freute man sich. Und wir sind ja Gastgeber, also sollen sich die Gäste wohlfühlen. Mir ist die gute Stimmung auch ganz wichtig.

Unter Ihren vielen satirischen Büchern ist auch ein ernsthafter Historienroman über den Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall. Warum?

Ich wollte einmal etwas anderes schreiben und bin zufällig durch eine Freundin über ihn gestolpert. Ich fand ihn dann richtig spektakulär. Und mein Verlag zwingt mich zum Glück nicht in ein bestimmtes Genre. Bei Rowohlt finden es manche irre, dass ich so viele verschiedene Genres bediene. Aber ich lese ja auch unterschiedliche Genres. Ich schreibe, weil ich Leser bin. "Der Hammer" war freilich so wahnsinnig zeitaufwendig und anstrengend, dass ich dann schon bei "Maksym" froh war, jetzt über jemanden zu schreiben, wo ich relativ wenig recherchieren muss.