Vielleicht sind sie ja schon von Anfang an g’schiedene Leut‘, ohne es sich eingestehen zu wollen. Endgültig sind sie’s dann, wenn Jedermann das erste Mal von Todesahnung heimgesucht wird. So einer passt nicht ins Weltbild dieser Buhlschaft. Mit versteinerter Miene sitzt Verena Altenberger vorn an der leeren Tafel, während sich die Tischgesellschaft mit dem vermeintlich kurzzeit-melancholischen Jedermann abmüht. Sie hat da längst ihren Entschluss gefasst.

Für den "Jedermann" als Regisseur verantwortlich ist Michael Sturminger ja schon seit 2017, aber im Vorjahr hat er eine so gut wie neue Inszenierung vorgelegt. Maßgeschneidert auf Lars Eidinger, einen auf ausgelebten Hedonismus abonnierten Darsteller, der in Salzburg urplötzlich katholisch wird. Ein stimmiger Ort dafür.

Relevanz steigt in Krisenzeit

Nun also Jahr zwei dieser Inszenierung. Es wird, wie man aktuell hört, nicht nur Eidingers letzter Jedermann-Sommer sein, sondern auch der letzte für Verena Altenberger als Buhlschaft. Sturminger hat nicht viel verändert gegenüber dem Vorjahr: Er lässt eine schier maßlos ego-verliebte, LGBTQI-schillernde Gesellschaft bis an die Grenze zur Bizarrerie sich ausleben. Diese Leute haben Jedermann quasi als Vorarbeiter für ein verlottertes Leben und als Financier auserkoren. Dass ihn plötzlich Jenseits-Gedanken quälen und ihm ein paar Minuten drauf der leibhaftige Tod in Gestalt der Super-Charismatikerin Edith Clever mit sanfter Stimme, aber entschiedenem Griff ans Herz rühren wird - das ist in diesem durchgeknallten Lebensumfeld nicht vorgesehen.

Die Lage kippt von einer Minute auf die andere. Jedermann steht in seiner roten Unterhose ziemlich jämmerlich da, während viel Hofmannsthal’scher Text auftaucht, den die Regisseure der vergangenen "Jedermann"-Jahrzehnte nicht ungern weggestrichen haben. Es hat sich bereits im vorigen Sommer herauskristallisiert, dass viel mehr Allgemeingültiges im Text steckt, als man ihm gemeinhin zugesteht. Und gerade jetzt, bei nahem Krieg, heftiger Inflation, Unwägbarkeiten unseres Wirtschaftssystems, hat manch scheinbarer Nebensatz von Hofmannsthal nochmals an Bedeutung zugelegt.

Man hört und sieht heuer den Boxkampf, den sich Jedermann und der Schuldknecht liefern, also mit geschärftem Sinn - auch wenn gerade diese, in den Ring gezwungene Szene wie ein Fremdkörper wirkt in Sturmingers sonst bizarr-barock-surrealer Bühnenwelt. Mirco Kreibich und der mindestens zwei Kopf größere Eidinger: Das ist ein urkomisches Paar à la Muckenstruntz und Bamschabl. Beim Kampf setzt Jedermann sich locker durch. Wenn Kreibich aber in die Rolle des Mammon schlüpft, ist Jedermann zweiter Sieger. Mammon/Kreibich hat hier etwas von Wagners Loge aus dem "Rheingold".

Mit Anspielungen und Zitatwerk spart Sturminger sowieso nicht, und die Musik von Wolfgang Mitterer und dem Ensemble 021, lavierend zwischen Klangflächenmalerei und Madrigal, spielt dem stets präsent zu. Jetzt, bei der Zweitbegegnung mit dieser Inszenierung, nimmt man manches liebevoll erdachte Detail erst wahr. Vor allem wirkt jetzt der Boden aufbereitet, um so recht die schauspielerischen Qualitäten dieses wirklich auf jede Rolle perfekt hingetrimmten Ensembles zu würdigen. Angela Winkler als Jedermanns Mutter - verbirgt diese alte Besserwisserin ihr Anliegen bewusst hinter einer Maske aus Demenz imaginierender Liebenswürdigkeit?

In der ausufernden Abschiedsszene vom Guten Gesell setzt Sturminger sehr bewusst aufs Lähmende. Da ist mit einem Mal alles Lebensmännische perdu. Anton Spieker als Guter Gesell hat viel Text, aber eigentlich keine guten Ausreden. Jedermann wird stehen gelassen, auch vom Dicken und Dünnen Vetter (Gustav Peter Wöhler, Tino Hillebrand), die sich schier überschlagen vor gespielter Scheinheiligkeit.

Und dann die letzte Szene mit der Buhlschaft - wortlos, rein choreografisch. Nichts da mit gutem Sex, es sieht verdächtig nach Vergewaltigungsversuch aus, aber die Buhlschaft ist gewappnet und wendig und geht erhobenen Hauptes durchs Publikum ab. Abrundung der ersten Szene, in der Sturminger ja den Dialog zwischen Koch und Jedermann ummünzt auf einen solchen zwischen Jedermann und der Buhlschaft: Da war schon klar, dass Verena Altenberger in dieser für die kleine Rolle höchst effektiven Lesart nicht nur einen Hosenanzug, sondern echt die Hosen anhat. Jedermann in der Unterhose hat wenig dagegen anzubieten.

Es braucht dann schon eine ganze Gruppe Guter Werke, um den Selbstzweifler ein Stück Richtung Kircheneingang zu tragen. Aber nur einen Glauben - Kathleen Morgeneyer, neben der unvergleichlichen Edith Clever (Tod) die zweite beispiellose Charismatikerin in dieser Runde. Sie hält Abstand von Jedermann und Jedermann von ihr. Nicht so Mavie Hörbiger, erst Gott mit überlangem Nazarenerbart, nun Teufel, den der Glaube mit einem gezielten Handgriff wie nackt dastehen lässt.

Sturminger kommt vom Film her, er denkt in Szenen. Einen Cutter wünschte man der Inszenierung nach wie vor. Aber er nimmt Hofmannsthal absolut beim Wort. Reden nicht im Moment alle von Umkehr? Aktueller als im Jedermann geht’s wohl nicht. Eigentlich könnte der Salzburg-Dauerbrenner in dieser Form und dieser Besetzung ruhig in Serie gehen. Lars Eidinger und Verena Altenberger werden aber nicht eins zu eins zu ersetzen sein.