Ein kapitaler Fall von Wetterpech: Mitten im zweiten Akt musste die zentrale Premiere des Bregenzer Sommers abgebrochen werden, die Aufführung also von der Seebühne mit ihrem kolossalen Technikarsenal und der idyllischen Naturkulisse ins vergleichsweise schmale Festspielhaus übersiedeln. Schade um Giacomo Puccinis "Madama Butterfly" (oder wie sie hier heißt: "Madame Butterfly"), am Mittwoch in einer neuen Regie von Andreas Homoki zur Festspieleröffnung kredenzt.

Man könnte es in diesem Zusammenhang allerdings auch bedauerlich finden, dass sich ein Gewitter nicht von Menschenhand punktgenau an einem Ort festhalten lässt. Bevor das Unwetter den Abbruch erzwang und noch in sicherer Entfernung grollte, stand es der Tragödie von der naiven Geisha Cio-Cio San und dem amerikanischen Hallodri Pinkerton nämlich gut an, fast will man sagen: Das Gewitter hat diese "Butterfly" dramatisch aufgeladen. Die Naturgewalten bescherten dem Spiel eine Intensität, die sich im Rahmen einer vor allem hübschen Regie nicht einstellte. Bezeichnend etwa der Moment, in dem Cio-Cio San, frisch verheiratet mit dem vermeintlichen Traummann und verstoßen von ihrer Familie, ihre Liebe zu Pinkerton in dringlichen Tönen beschwört. Die Szene packt nicht nur dank der Soprankräfte von Barno Ismatullaeva in der Titelpartie, sondern auch, weil westlich der Bühne alle paar Sekunden Blitze herabzucken - als wären sie die Vorboten jenes Unheils, das der treuherzigen Kindfrau schon bald blüht.

Elegant, aber eher ideenarm

Wie vor jeder Bregenzer Seepremiere ist im Vorfeld viel Gewese um das Bühnenbild gemacht worden, auch das heurige ist gigantisch geraten: Michael Levine hat ein gewelltes Papierblatt entworfen, das sich über eine Fläche von 1.340 Quadratmeter erstreckt. Gleichwohl wirkt es zart bemalt: Sanfte Hügel und fragile Äste zieren die Fläche, Videobeamer tauchen diese in wechselnde Farben, lassen die Zeichnungen bald in einem heftigen Rot erglühen, bald in einem fahlen Grau erblassen - Letzteres, wenn Onkel Bonzo als gewaltige Phantomfigur auftaucht und die Braut verflucht. Keine Frage: Diese Bühne spiegelt die Gefühle der Protagonistin, bildet ihr Seelenleben als weites, wandlungsfähiges Land ab.

An sich ein schöner Ansatz: Statt Puccinis Tragödie mit einem Regie-Konzept der Sorte "Artisten, Tiere, Attraktionen" aufzumotzen, soll hier ein psychologischer Stimmungszauber das Blickfutter für das Publikum liefern. Das Problem ist nur: Die Farbwechsel schüren die Spannung nicht, und auch sonst bringt die Regie (bis Spielabbruch) kaum etwas Bemerkenswertes aufs Bühnenpapier. Gut, ein amerikanischer Flaggenmast hat einen freudianischen Auftritt: Er durchdringt das zarte Papier und baut sich zu massiver Größe auf. Ansonsten dominieren aber vor allem folkloristische Schauwerte: Ein
Geisha-Rudel wirbelt mit roten Papierschirmchen über das Gelände, und eine Gruppe grauhaariger Maskenträger wachelt mit Fächern - geisterhaft anzusehen, aber irgendwie auch postkartentauglich.

Ob die Regie ab dem zweiten Akt mehr erreicht? Es war am Mittwoch nicht zu beurteilen, denn der Wechsel ins Festspielhaus beschert dem Auge eine radikale Diät: Statt des Bühnenbilds hier nur noch eine Projektion davon, statt der Riesenflächen nur wenige Quadratmeter Spielraum für die Sänger, dahinter die Wiener Symphoniker sowie die Choristen (Prager Philharmonischer Chor, Bregenzer Festspielchor), alle nun ohne eine Verstärker-Anlage unter natürlichen Klangbedingungen.

Das bringt dafür die Stimmen klarer zur Geltung. Die Butterfly punktet erneut mit Durchschlagskraft, während sie die Schiffsrückkehr ihres Amerikaners erwartet; Edgaras Montvidas stattet den widerlichen Sexprotz mit einem feurigen, aber auch flackerhaften Tenor aus, während Brian Mulligan dem Sharpless einen profunden Bariton verleiht. Eindringlich der Goro von Taylan Reinhard) neben einer vor allem spielfreudigen Suzuki (Annalisa Stroppa). Und Dirigent Enrique Mazzola? Wechselt zwischen schnittigen, schwelgerischen, aber auch seltsam nüchternen Momenten. Trotzdem auch für ihn einhelliger Schlussapplaus, während Regisseur Homoki die Bühne nicht betreten wollte.