Wie hoch die Aktien von Umberto Giordano zu Lebzeiten standen, macht eine Anekdote von 1903 deutlich: Als Giacomo Puccini eine Auftragsarbeit für die Mailänder Scala nicht rechtzeitig ablieferte, wurde der italienische Kollege als Ersatzschreiber gebucht.

Wie tief Giordanos Stern heute gesunken ist, lässt sich im selben Zusammenhang ermessen: Man muss nur die Beliebtheit von "Madama Butterfly", Puccinis verspätetem Werk, mit der von Giordanos damaligem Lückenbüßer vergleichen - einem Stück namens "Sibirien", das heute kein Mensch kennt. Daran wird sich auch nach der jetzigen Neusichtung in Bregenz kaum etwas ändern.

Natürlich, Giordano hat mit "Andrea Chenier" einen Klassiker des Verismo-Fachs verfasst und mit "Fedora" eine Russland-Oper, die heute zumindest im Umland des Kernrepertoires daheim ist. Dem russischen Folgewerk sind solche Ehren aber versagt geblieben: Auf den überschaubaren Zuspruch der Mailänder Uraufführung folgten Achtungserfolge in In- und Ausland, dann versumpfte "Sibirien" in der Vergessenheit.

Musik mit Mängeln

Immerhin: Das Libretto stammt aus derselben Könnerhand wie das der "Butterfly", nämlich von Luigi Illica, und arbeitet mit bewährten Motiven. Im Rahmen einer Handlung mit Nähe zu "Manon Lescaut" und "Traviata" mausert sich eine gewisse Stephana von der Hure zur Heiligen: Die Frau folgt ihrer Lebensliebe Vassili (nachdem der ihren Freier abgemurkst hat) ins sibirische Straflager und verendet dort selbstlos.

Die Bühnenwirksamkeit der Musik schwindet jedoch rasch. Rast der erste Akt noch im Tempo eines TGV los, bremsen Liebesschwüre und Folklorechöre den zweiten stark ein. Der Schlussakt überrascht das Ohr dann mit einem Choridyll: Sind dies Insassen eines russischen Straflagers oder Bewohner eines bäuerlichen Arkadiens? Giordanos "Sibirien" hat schöne Flecken, aber eine stimmige Oper ist es nicht.

Keine Frage: Eine Regie der Sorte Pelzmantel und Degen würde hier keinen schlanken Fuß machen. Mit seiner verworrenen Inszenierung auf zwei Zeitebenen stellt sich Vasily Barkhatov aber selbst ein Bein. Der Russe setzt die Geschichte im frühen 20. Jahrhundert an, lässt zugleich aber eine Frau des Jahres 1992 durch die Szenerie geistern. Es ist dies die Tochter von Stephana und Vassili, die sich - an ihrem Lebensabend angelangt - auf eine Spurensuche an die Schicksalsorte ihrer Eltern begibt. Die rüstige Dame klappert auf der Bühne diverse Salons, Amtsstuben und Plätze nach Hinweisen ab, während sich an diesen Orten zugleich das Schicksal der Eltern entscheidet. Auf dem Papier ein Konzept mit Reiz. Nur: Die vielen Zeitsprünge, bizarren Details (unter anderem reist die Seniorin mit einer klobigen Urne durch die Tundra) und ein wirres Ende lassen das Publikum stirnrunzelnd zurück.

Zudem sind die Rollen so verblüffend schlecht besetzt, dass an dieser Stelle aus Freundlichkeitsgründen nur die vorteilhaften Stimmen erwähnt seien: Ambur Braid entstößt sich die Temperamentstöne der Stephana mit der gebührenden Reschheit, Omer Kobiljak gestaltet die Nebenrolle des Fürsten Alexis stattlich. Löblich auch, dass Dirigent Valentin Uryupin mit den Wiener Symphonikern intensive, schlackenlose Klangbilder gestaltet. Und erfreulich natürlich auch, dass dieses "Sibirien" schon nach zwei Stunden am Ende ist.