Der Titel des neuen Stückes von Wim Vandekeybus und seiner Compagnie Ultima Vez ist rätselhaft. Auch in der Übersetzung: "Hände werden dein kostbares Ich nicht berühren", eher unverständlich. Es ist eine vier Jahrtausende alte Gedichtzeile der sumerischen Prinzessin, Priesterin und Dichterin Enheduanna, festgehalten in Keilschrift. Enheduanna ist bekannt als erste Person, die ein literarisches Werk mit dem Namen gezeichnet hat.

Mit acht Tänzerinnen und Tänzern, der Komponistin Charo Calvo und dem Performer Olivier de Sagazan erzählt Vandekeybus den Mythos von der Göttin Inanna in Uruk. Sie will nicht nur die Erde, sondern auch die Unterwelt beherrschen, wo ihre Schwester Ereshkigal das Sagen hat.

Ein Besuch in der Hölle

Im weißen Tanzkleid schwebt Lieve Meeussen, die seit mehr als einem Jahrzehnt bei Ultima Vez tanzt, als Inanna über die Bühne - fröhlich und liebevoll, doch genauso zerstörungswütig und blutgierig. Sie luchst dem Gott Enki, Wim Vandekeybus als ordnende Figur auf der Bühne, das Gesetzbuch ab, um Eintritt in die Hölle zu erhalten. Dort regiert Ereshkigal, dargestellt von Oliver de Sagazan, der für seine Performance "Transfiguration" bekannt ist.

Bei diesem mehr als 100 Mal nicht nur in Frankreich gezeigten Auftritt arbeitet er mit Tonerde, modelliert seinen Schädel und das Gesicht zu neuen Wesen, ist Tier und Alien, gut und böse zugleich. Auch als Ereshkigal, diesem dunklen, herrschsüchtigen, aggressiven Teils Inannas, beschmiert er die Tänzerinnen und Tänzer mit Ton und Farbe und formt unheimliche, fremdartige Körper. In Unkenntnis des alten Ursprungsmythos, von Tod und Wiedergeburt, Licht und Dunkel, Konfrontation und Transformation, tut man sich ziemlich schwer, dem Bühnengeschehen zu folgen.

Doch die elektroakustische Musik Charo Calvos, die ihre Karriere übrigens als Tänzerin bei Ultima Vez begann, erzählt den Horror auf eindringliche Weise. Noch während die liebliche Inanna umhertänzelt, sorgen geheimnisvolle, bedrohliche Töne für Gänsehaut. Später verwandelt sich Inanna, kehrt ihre schwarze Seite hervor, lässt Jünglinge aufspießen und geht über Leichen.

Die Verwandlung, Transformation, ist auch das Thema de Sagazans, der nicht nur sich selbst mit Ton und Farbe zu einem fremdartigen Wesen formt, sondern alle, die in seine Nähe kommen. Jeder und jede wird zu einem Golem, einem gesichtslosen Wesen aus Lehm. Samt Inanna fahren sie alle in die Hölle, führen als grausige Figuren aus Erde den entsprechenden Tanz auf.

Vandekeybus Tanzsprache hat sich kaum geändert, es wird gesprungen und gedreht, angegriffen und impulsiv reagiert, die Tänzerinnen und Tänzer scheuen kein Risiko. Solange sie auf Erden weilen. Unten, im roten Höllenlicht, sind sie nur noch nahezu gesichtslose Wesen. Aus Lehm geformte lebende Tote, angriffslustig dennoch. Langweilig wird der Abend nicht, sind doch allerlei Effekte eingebaut. Der im weichen Lehm patschenden Ereshgikal brennt der Hut, die Funken sprühen aus dem auf den Kopf getürmten Werg, lange noch glost der Helm des Performers de Sagazan. Zur Abwechslung werden auch Kinderspiele aufgeführt, den Menschen ist eben nichts Menschliches fremd, nicht Spiel und Spaß, nicht Folter und Mord.

Auch die Handkamera darf nicht fehlen, König Enki (Vandekeybus) bedient sie, lässt Fragmente von Bewegungen, Körpern und Gesichtern zu grotesken Bildern einfrieren. Eine etwas platte Illustration des Titels ist der grausige Tanz blutiger Hände, die einander nicht berühren. Doch auch wenn jegliche Zivilisation und Kultur zerstört ist, die entmenschten Menschen ihr Gesicht verloren haben, so schnell gehen wir nicht unter. Inanna hat ihren Tod vorausgesehen und ihre Gefolgschaft instruiert, sie wird gerettet, darf zurück ins Licht.