Es gibt kein Zurück in die gute alte Zeit. Es braucht ein grundlegendes Umdenken, wenn wir diese Krise erfolgreich bewältigen wollen", sagte Bundespräsident Alexander Van der Bellen beim Festakt zur Eröffnung der diesjährigen Salzburger Festspiele. "Diese Auseinandersetzung zwischen Despotie und Freiheit ist nicht in ein paar Wochen oder Monaten vorbei. Sie hat eben erst begonnen": Mit diesen mahnenden Worten bezog sich der Bundespräsident auf den Ukraine-Krieg. Abschließend sagte er: "Wir sind in dieser Situation in einer Art Schicksalsgemeinschaft", die sich nicht verführen, einschüchtern und spalten lassen dürfe. "Österreich kann das. Europa kann das."

Kultur als Gegenmodell

Den musikalischen Programmteil des Festakts in der Felsenreitschule bestritt das Mozarteumorchester Salzburg unter Duncan Wards Leitung mit Stücken von Felix Mendelssohn Bartholdy, Giacinto Scelsi und des 1937 geborenen ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov.

Auch die neue Festspielpräsidentin Kristina Hammer nahm bei ihrer ersten Eröffnung in ihren Begrüßungsworten auf Ukraine-Krieg, Pandemie, Energie- und Klimakrise Bezug: "Wir brauchen Kunst. Weil sie Geistes- und Herzensbildung in einem ist." Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP) setzte nach: "Bei aller Betroffenheit: Die Kunst darf vor dem Krieg nicht kapitulieren!" Gleichzeitig betonte Haslauer, dass Künstlerinnen und Künstler, die diesen Krieg fördern oder rechtfertigen, "keinen Platz im Friedenswerk der Salzburg Festspiele und ihrer humanistischen Sendung" hätten.

"Es geht nicht um unangebrachte Ausgelassenheit, sondern um Reflexion. Es geht um Kultur als Gegenmodell zur Barbarei", befand Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer (Grüne). "Wir können die Welt nur gemeinsam zum Besseren verändern. Dabei übernehme die Kunst eine wichtige Aufgabe: "Es ist die Kunst, die uns stärkt, die Idee einer friedlichen Welt zu leben."

Der Schriftsteller Ilija Trojanow hielt die Festrede, die er unter den Titel "Der Ton des Krieges, die Tonarten des Friedens" gestellt hatte. "Die Kunst und der Krieg sind Antipoden", lautete seine zentrale Aussage. "Das Verhältnis von Kunst und Macht, es ist komplex", sagte er und verwies darauf, "dass der Krieg an sich ein Verbrechen ist": "Alle Ambivalenzen, alle Schattierungen, alle Nuancen. Ratschläge werden brachial zu Schlägen und aus dem guten Rat wird im Salutierschritt der Verrat. Es wird nicht gesät und geerntet, sondern geplündert, es wird nicht getanzt, es wird exerziert."

Er erinnerte an den Einmarsch von Österreich-Ungarn 1914 in Serbien und das die daran beteiligten Soldaten in Denkmälern als Helden gefeiert würden.

Trojanow nahm sich aber auch bei seinen Bezügen auf die Gegenwart und die Salzburger Festspiele kein Blatt vor den Mund. So verwies er auf ein Video von Alexei Nawalny, das den Dirigenten Valery Gergiev "als Großgrundgewinnler" zeige: "Dutzende Immobilien, vor allem in Italien - eine Villa mit 18 Zimmern in einem Golfklub, ein ganzes Kap in Amalfi, 30 Hektar in Rimini, 800.000 Quadratmeter in Mailand, ein Palazzo in Venedig und und und. Das Ass im Ärmel dieses Dirigenten ist sein eigener Wohltätigkeitsfonds, an dem er sich nach Belieben bedient, gefördert von den mafiösen Banken seines Landes. Und von der Moskauer Regierung. Vier Milliarden Rubel insgesamt."

Es sei aber auch "richtig und richtungsweisend" gewesen, dass die Festspiele im Falle des Sponsors Solway, eines in Kritik geratenen Bergbaukonzerns, eine unabhängige Untersuchung in Auftrag gegeben haben, die zu einem Abbruch der Beziehungen führte: "Wenn Wohlstand nur entstehen kann, indem Mitmenschen geknechtet werden und Natur zerstört wird, dann wird es höchste Zeit, das System zu ändern, nicht nur die Sponsoringregeln." Trojanows Fazit am Ende seiner Rede: "Desertieren wir also aus der Eintönigkeit des Krieges in die Vieltönigkeit der Kunst!"

Das künstlerische Programm hat bereits vor über einer Woche mit der Wiederaufnahmepremiere des "Jedermann" begonnen. Mit Hugo von Hofmannsthals Traditionsstück wurde am Domplatz die Ouverture spirituelle eingeläutet. Die erste szenische Neuproduktion gilt am Dienstagabend dem von Romeo Castellucci inszenierten Doppelabend mit Béla Bartóks "Herzog Blaubarts Burg" und Carl Orffs "De temporum fine comoedia", bei dem der griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis die musikalische Leitung übernommen hat.