Das Virus ist noch da und meldet sich. Aber nicht gleich so, dass es die gesamten Festspiele kippte oder auf einen Rest schrumpfte wie in den beiden vorigen Jahren. Sicherheitshalber hatte Bayreuth-Leiterin Katharina Wagner vor den "Ring"-Premieren einen neuen "Tristan" ins Programm genommen. Chorarm, wie der ist, sind da keine massenhaften Ausfälle zu befürchten. Vergleichsweise kurzfristig übernahmen Roland Schwab (Regie) und Cornelius Meister (Dirigent) den Auftrag. Als die Hiobsbotschaft kam, dass Ringdirigent Pietari Inkinen erkrankt ausfällt, wechselte Cornelius Meister zum Ring. Für "Tristan" holte man Markus Poschner ins Boot. Gerade mal zwei Proben mit dem Orchester blieben ihm bis zur Premiere. Poschner wurde am Montagabend denn auch für seine mutige Flexibilität, vor allem aber für das Resultat bejubelt. Es war kein narkotisierender Verführungsversuch à la Thielemann. Hier loderten die Leidenschaften eher diesseitig, beherzt, aus einem Guss, vor allem aber gut abgestimmt mit den Sängern.

Catherine Foster lässt ihre Stimme in voller Pracht von der Leine und macht besonders aus dem ersten Aufzug ein Isolde-Ereignis! Auch der Tristan-erfahrene Stephen Gould wirkte frei, lieferte einen Tristan ganz bei sich mit seinen immer noch beträchtlichen Fähigkeiten. Auch als Tristan im Sterben lag, hatte man keine Sorge um diesen Sänger.

Jubel bei Extrem-Temperaturen

Dazu die fabelhafte Brangäne Ekaterina Gubanova und der prägnante Kurwenal von Markus Eiche und Georg Zeppenfeld als die sichere Marke-Bank schlechthin. Vor allem Zeppenfeld und Eiche waren zudem beispielhaft wortverständlich.

Musikalisch war dieser Tristan jedenfalls beim Publikum, das den gleichen Extrem-Temperaturen im Festspielhaus ausgesetzt war wie die Sänger, ein voller Erfolg. Im vollbesetzten Haus musste es allerdings auch nur zuhören und darauf achten, dass nicht das Handy auf den Holzboden fällt - was nur leider nicht jedem gelang.

Über ungeteilte Zustimmung konnten sich aber auch Roland Schwab, Piero Vinciguerra (Bühne) und Gabriele Rupprecht (Kostüme) freuen. Schwab versucht mit seiner Deutung Wagners "Löse von der Welt mich los" erfahrbar zu machen und auf diese Welt zurück zu reflektieren. Wenn Tristan und Isolde am Ende beide im Tode vereint sind, kommt ein altgewordenes Paar langsam an die Rampe. Es ist ein tröstlicher Philemon-und-Baucis-Moment. Schon während des Vorspiels haben wir die beiden als junges Paar gesehen, danach tauchen sie, etwas älter geworden, ein weiteres Mal auf. Liebe ist auch im Diesseits möglich, so die Botschaft einer ästhetischen Bildersprache, in der die Leidenschaft zum Bild wird.

Die Bühne ist ein halbrunder begrenzter Raum. In der Decke und im Boden geben ovale Ausschnitte den Blick in den Himmel und in die Tiefe brodelnder Leidenschaften frei. Die Videos (Luis August Krawen) sind hier keine Wirklichkeitssimulation, sondern Teil der Bühne. Anfangs tigert Isolde wie eine Gefangene kurz vor der Explosion um den mit noblen Liegestühlen eingerahmten Pool. Der beginnt sich blutrot zu färben. Wenn der Liebestrank aber wirkt und Tristan und Isolde gleichsam übers Wasser zu gehen lernen, dann wandelt er sich in einen Strudel (der Leidenschaft), der die beiden zueinander und in einen Abgrund zieht. Das ist ein atemberaubendes Bild.

Im zweiten Aufzug ist es das Firmament, das sich zu spiegeln scheint. Die Titelfiguren sind losgelöst von der Welt. Dass die große Liebesszene, bei der die Sterne tanzen, zum Tribunal wird, bei dem Tristan in der Mitte auf einem Verhörstuhl sitzt und Melot (Olafur Sigurdarson) Isolde mit einem der Scheinwerfer traktiert, erreicht die beiden nicht wirklich. Das Bild ist ebenso grandios wie das des feindlichen Tagelichts, das in Form einer Batterie von gleißenden Neonröhren langsam auf Tristan niedergeht und ihn (ohne dass Melot seine Waffe zücken muss) tödlich verletzt.

Im dritten Aufzug dann ein Bild aus der Rubrik "schöner Sterben". Trauerweiden wuchern jetzt herunter, Tristan liegt wie aufgebahrt zwischen Kerzen in weißer Kluft, so wie dann auch Isolde. Vor deren Weltflucht senkt sich ein transparenter Schleier, und das erwähnte ältliche Paar tritt auf, scheint die Botschaft "Liebe ist auch auf Erden möglich" zu vermitteln. Der Festspielauftakt ist jedenfalls gelungen.