Um eine Frage gleich zu Beginn zu klären: Ja, es hat am Dienstag in Salzburg Protest gegeben. Dass er Teodor Currentzis galt - umstritten, weil er in St. Petersburg sein Orchester MusicAeterna betreibt und sich zum Ukraine-Krieg nicht äußert -, darf allerdings bezweifelt werden. Der Protest beschränkte sich nämlich auf ein Trillerpfeifenkonzert kurz vor Spielbeginn und drei schwammig formulierte Transparente. Eines davon tadelte die Hochkultur als "Elfenbeinturm", ein anderes die Toleranz gegenüber bösen Menschen. Waren diese Worte gegen Wladimir Putin gerichtet, gegen das heimische Corona-Management oder womöglich gar gegen die Untätigkeit in der Klimakrise? Es bleibt ein Mysterium.

Choreografie der Gegensätze

Rätsel warf aber auch die folgende Opernpremiere auf, die erste in diesem Salzburger Sommer. Warum verkuppeln die Festspiele Béla Bartóks Schauermärchen "Herzog Blaubarts Burg" mit "De temporum fine comoedia", einem Weltuntergangsspiel von Carl Orff, zu einem Doppelabend? Die Gemeinsamkeiten beschränken sich darauf, dass beide Stücke rund eine Stunde dauern und nach 1900 zur Uraufführung gelangten, konkret: Bartóks "Blaubart" 1918 in Ungarn, die "Comoedia" 1973 bei den Salzburger Festspielen. Davon abgesehen liegen Welten zwischen den Stücken; Welten, die auch der Salzburg-Stammgast Romeo Castellucci in seiner Regie nicht überbrückt.

Gut, ein Element zieht sich durch den Abend: Castellucci hat die Arkaden der Felsenreitschule mit schwarzen Stoffen verhängt und den Bühnenhintergrund so in grimmige Düsternis gehüllt. Zudem passt er das Bühnenlicht im ersten Teil Bartóks Gruselburg an, die keinerlei Fenster besitzt. Auftritt Blaubart und Judith: Die Protagonistin entdeckt im Verlauf unguter Dialoge hinter sieben verschlossenen Türen allerlei Gräuel. Anders als in der Märchenvorlage verstecken sich hinter der letzten Pforte aber keine toten Exfrauen, sondern völlig lebendige. Judith wird sich dieser Gruppe anschließen und in der Burg von nun an ewige Nacht herrschen - so endet das mysterientrübe Libretto von Béla Balázs.

Castellucci nähert sich dieser Geschichte einerseits psychologisch: Seine Judith scheint einen Sohn verloren zu haben und mit diesem Trauma zu ringen. Ist dieser Schicksalschlag auch der Grund, dass sie im Hause Blaubart überall Blut zu sehen vermeint? Es wäre keine Castellucci-Regie, ließe sich das einfach beantworten. Der Italiener ist auf der Opernbühne kein geradliniger Geschichtenerzähler, sondern komponiert lieber eine vieldeutige Choreografie der Symbole: Zwischen Judith und Blaubart ortet er ein Gefühlswechselbad, das sich in Balzgesten, aber auch Würgegriffen äußert. Die Requisiten spitzen die Gegensätze zu: Wasser sprudelt aus Blaubarts Ärmeln und übergießt die Bühne; Flammen brennen stellvertretend für Judith und huschen über verschiedene Objekte. Kein Zweifel, das alles ist gedankenschwer erdacht und ästhetisch gemacht. Nur: Man würde diesem düsteren Fuhrpark der Assoziationen schon etwas mehr erzählerische Klarheit - und damit Opernkraft- wünschen. Hier wird diese vor allem von Currentzis eingebracht, der Bartóks gruselig erweiterte Tonalität romantisch strömen lässt und in den Reihen des Gustav Mahler Jugendorchesters über blitzsaubere Blechbläser verfügt. Ausrine Stundyte (Judith) begeistert musikalisch und schauspielerisch mit einer flammenden Intensität; Mika Kares stattet den düsteren Blaubart mit einem fülligen, bisweilen flehentlichen Bass aus.

Verstörende Aggression

Und Orffs "Comoedia"? Castellucci bebildert sie mit archaischen Schauwerten, lässt eine Frauengruppe die (offenbar sündige) Judith steinigen, einen Männertrupp um einen kultischen Baumstamm tanzen und eine Hundertschaft Choristen gegen Ende wie weiße Maden aus Gräbern treten: Es sind Szenen von teilweise verstörender Aggression, die das Stück dennoch stimmig begleiten. Zusammengestellt aus altgriechischen, römischen und deutschen Worten, erzählt die "Comoedia" den Weltuntergang mit roher rhythmischer Wucht, schließt aber mit einem Akt der Vergebung: Gott wird alle in den Himmel aufnehmen, selbst Lucifer, nachdem dieser seine Sünden bereut hat. Ein schönes Bild in der Felsenreitschule: Judith schenkt diesem armen Teufel einen intakten Apfel und macht damit die Ursünde gut. Musikalisch? Gelingt es Currentzis, die Chormassen (darunter der musicAeterna Chor und der Bachchor Salzburg) fulminant zu synchronisieren und diese letzten Tage der Menschheit mit ekstatischen Rhythmen zu zelebrieren. Besser lässt sich kaum für dieses Mysterienspiel werben, das von einer urwüchsigen Kraft lebt, von wiederholten, skandierten Sprechgesängen und einem schlagkräftigen Orchester (darunter 30 Perkussionisten!), das die Chorparolen mit einem archaischen Klanguntergrund versieht.

Die Sibyllen verkünden das Ende der Welt in Carl Orffs "De temporum fine comoedia". 
- © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Die Sibyllen verkünden das Ende der Welt in Carl Orffs "De temporum fine comoedia".

- © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Freilich: Dass Orffs Weltuntergang auch seine Längen und kargen Stellen besitzt, steht auf einem anderen Blatt. Und man mag sich auch fragen, ob dieser Doppelabend tatsächlich - mittels Regie-, Klangbeigaben und einer epischen Umbaupause - zu einer Länge von knapp vier Stunden anschwellen musste. Dennoch: Dass Salzburg mit dieser Operneröffnung Mut bewiesen hat, ist unstrittig. Jubel am Ende, in erster Linie und sehr vehement für Currentzis.