Kaum ein anderes Bühnenstück hat eine derart bewegte Rezeptionsgeschichte wie Arthur Schnitzlers "Reigen". Für den Wiener Schriftsteller waren die zehn intimen Dialoge eine "melancholische Variation über die Unzulänglichkeit des Menschen und seiner Gefühle", für die Gesellschaft des Fin de siècle waren die sexuellen Bekenntnisse hingegen eine tabulose Schund- und Schmuddelschrift. Verfasst wurde der "Reigen" zwischen 1896 und 1897, an eine Aufführung war im Klima der Bigotterie nicht zu denken, doch gedruckte Versionen verkauften sich, allen Verboten zum Trotz, zentausendfach.

Erst 1921 wagte man sich daran, das Stück in Wien anzusetzen. Vor Aufführungsbeginn wurde im Volkstheater eine Stinkbombe gezündet, während dessen kam es zu Tumulten im Zuschauerraum, bis schließlich Sicherheitskräfte das Haus räumten. Das alles trug sich in Anwesenheit des Autors zu. Ein beispielloser Skandal. Schnitzler zog daraufhin sein Stück zurück, bis 1982 galt ein Aufführungsverbot, das durch Verfilmungen und Bearbeitungen immer wieder umgangen wurde. Seitdem gilt der "Reigen" als bedeutendes Werk, auch die Zahl der Neudichtungen ist legendär - am bekanntesten ist wohl Werner Schwabs "Der reizende Reigen".

Schnitzler Genderhybrid

Nun fügen die Salzburger Festspiele den "Reigen"-Bearbeitungen eine weitere Variante hinzu: Zehn Autorinnen und Autoren verfassten je einen Dialog. Gewiss ein probates Mittel, um der überkommenen Sexualmoral im Zeitalter hybrider Geschlechtsidentitäten zu entkommen. Freilich finden die zehn Interpreten äußerst unterschiedliche sprachliche wie inhaltliche Zugänge.

Die 37-jährige österreichische Brachialautorin Lydia Haider schrieb etwa den ersten Teil um - und bleibt erstaunlich nah am Original. Wie anno dazumal schnappt sich die Dirne hier einen Soldaten, der freilich nicht wie bei Schnitzler mit "Komm, du schöner Engel" angelockt wird, sondern mit einem "Heast, du hehre Pfeifsau" bedacht wird.

Bei Schnitzler lösen sich einem Reigen gleich die Sexualpartner ab - nach der Episode mit der Dirne verführt der Soldat ein Stubenmädchen, das danach wiederum vom jungen Herrn bedrängt wird. Bei der französisch-marokkanischen Skandalautorin Leila Slimani ("All das zu verlieren") landet diese Begegnung vor dem Gericht, hier gelingt eine packende Neudeutung im Geiste der MeToo-Debatte.

"Wir haben viel vom Geist Schnitzlers aufgesaugt", sagte Regisseurin Yana Ross bei einem Pressegespräch. "Aber wir haben auch andere Aspekte berücksichtigt, es fand auch das Andere Eingang." Einige Bearbeitungen erweisen sich nämlich als weitaus politischer als Schnitzlers Paarkonstellationen - so wird aus der Affäre zwischen dem jungen Herren und der ehrbaren Ehefrau in der Interpretation von Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo ein ziemlich illusionsloser Schlagabtausch zweier Frauen, indem es darum geht, dass Homosexualität längst nicht in allen gesellschaftlichen Bereichen gleichermaßen enttabuisiert ist, auch die Mutterschaft wird kritisch beleuchtet.

Die deutlichste Korrektur erfuhr der Text des russischen Autors Mikhail Durnenkov. Bei Kriegsausbruch in der Ukraine floh er ins Exil nach Finnland, da er bereits 2014 wegen seiner Kritik an der Annexion der Krim verfolgt wurde. Aus der Begegnung zwischen dem Ehemann und dem "süßen Mädel" wird bei Durnenkov ein bitteres Skype-Telefonat, in dem ein Sohn seiner Mutter zu erklären versucht, warum er mit seiner Familie Russland verlassen müsse. Der Dialog torpediert zwar die Reigen-Konstruktion, bringt aber die schmerzhafte Realität auf die Bühne.

In der Schlussepisode landet ein Graf wieder im Bett der Dirne, jener Leocadia, die den Reigen mit dem Soldaten eröffnete. In der Deutung des Schweizer Dramatikers Lukas Bärfuss erfährt der Schlussteil indes eine enigmatische Wendung. Was Regisseurin Yana Ross wohl mit den divergierenden Textpartikeln anstellt? Davon kann man sich noch bis 11. August in der Szene Salzburg ein Bild machen.